Vom 25. bis 29. Juli 2010 fand das zweite "Canine Science Forum" statt. Die Universität Wien richtete den internationalen Kynologie-Kongress aus und versammelte etwa 300 Forscher, die ihre Studien zum Hund vorstellten.

Prof. Dr. Kurt Kotrschal mit Wölfin Shima im Wolf Science Center in Österreich. Foto: Wolf Science Center
Etwa 300 Wissenschaftler aus 36 Nationen trafen sich zum interdisziplinären Austausch ihrer Forschungsergebnisse. Themenschwerpunkte des "Canine Science Forum 2010" waren die Verhaltensweisen des Hundes, sein Lernverhalten, der Hund in der Gesellschaft sowie das Zusammenleben von Hund und Mensch.
DOGS präsentiert Ihnen eine Auswahl der vorgestellten Studienergebnisse.
Hunde verstehen die Interaktion unter Menschen.
Versuchsaufbau: Die Hunde konnten beobachten, wie zwei unterschiedliche Personen, die jeweils eine Schale mit Futter vor sich hatten, auf die Anfrage eines "Bettlers" reagierten. Jeweils eine Person, der Egoist, wies den Bettler konsequent ab, die andere Person, der Freigiebige, gab etwas von der Nahrung ab. Wurden die "Beobachter" zu den beiden Personen gelassen, wandten sie sich zu 75 Prozent direkt an die "freigiebige" Person.
Hunde haben einen Gerechtigkeitssinn.
Versuchsaufbau: Zwei Hunde sitzen nebeneinander und bekommen jeweils ein Leckerli, wenn sie Pfötchen geben. Die Hunde können sich gegenseitig sehen. Hört die Versuchsperson auf, das Pfötchengeben zu belohnen, geben beide Hunde noch eine ganze Weile bereitwillig ihr Pfötchen. Anders, wenn nur einer der beiden Hunde keine Futterbelohnung mehr erhält. Dann hört dieser Hund sofort auf, sein Pfötchen zu geben. Erklärung: Dieser Hund sieht, dass sein Nachbar weiter die Belohnung erhält, er selbst jedoch nicht.
Forschungsergebnisse zur Dominanz
Studienergebnisse zeigen ein differenziertes Bild zum Thema Dominanz. Laut Àdám Miklósi gäbe es noch zu wenig Studien, die sich mit den hierarchischen Beziehungen unter Hunden und unter Hunden und Menschen befassen. Dominanz sei immer relativ und hänge von der individuellen Zusammensetzung der jeweiligen Gruppe ab. Das gelte genauso auch für Wölfe und Wolfsrudel.
Das Postulat "Menschen sollen Hunden gegenüber grundsätzlich dominant auftreten", sei nicht haltbar. Verwilderte Haushunde seien bezüglich der Hierarchiebildung kein gutes Studienobjekt, da der Faktor Mensch fehle. Menschen gehörten jedoch zum natürlichen Umfeld von Hunden.
Forschungsergebnisse zur Aggression
Was ist Aggression bei Hunden? Àdám Miklósi betont, dass man Aggression bei Hunden wissenschaftlich gesehen nicht an einzelnen Rassen festmachen könne. Àdám Miklósi: "Man kann mit einem so genannten allgemeinen Wesenstest die Aggressionsbereitschaft gegenüber Menschen oder anderen Hunden niemals sicher feststellen." Viel einfacher wäre es, Aggression einfach heraus zu züchten. Wenn man nur verträgliche Tiere zur Zucht zuließe, könne man das Problem sehr schnell in den Griff bekommen. Doch das passiere seitens der Züchter nur selten.
Weitere Studienergebnisse zeigen, dass es sehr schwierig ist, aus dem Verhalten von Welpen auf das spätere Aggressionspotential von erwachsenen Hunden zu schließen. Wesenstests sind nicht zuverlässig genug, um darüber Aussagen zu treffen. Hunde können nur im Sozialverband mit dem Menschen beurteilt werden.
Dazu Prof. Kurt Kotrschal: "Hunde ohne Menschenbezug sind nicht definiert. Hunde sind in ihrer Evolutions- und Domestikationsgeschichte so an das Zusammenleben mit Menschen angepasst, dass es nicht sinnvoll ist, den Hund ohne Bezug zu seinen Menschen zu untersuchen."
Forschung an handaufgezogenen Wölfen
Im
Wolf Science Center werden seit 2009 Wolfs- und Hundewelpen unter vergleichbaren Bedingungen von Menschen handaufgezogen. Auf diese Weise hoffen die Wissenschaftler neue Einblicke und Erkenntnisse bezüglich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verhalten zu erlangen. Erste Studien zeigen, dass handaufgezogene Wölfe sehr schnell lernen, sich Menschen anzupassen und zu kooperieren. So interpretieren sie menschliche Zeigegesten ebenso sicher wie Hunde. Ein Effekt, der jedoch vermutlich dem Training der Wölfe durch deren menschliche Bezugspersonen zu verdanken ist. Die Studien zeigen jedoch, wie groß die Anpassungs- und Lernfähigkeit der Wölfe ist.
Prof. Ludwig Huber (Universität Wien) zeigte anhand verschiedener Studiendesigns, dass vom Menschen aufgezogene Wölfe bei schwierigen Kooperationsaufgaben zum Teil sogar besser abschneiden als Hunde. Unklar ist bisher, ob Wölfe über ein besseres Kausalverständnis verfügen oder ob sie einfach schneller lernen.
Info: Ab Herbst 2011 wird an der Universität Wien der neue Studiengang "Mensch-Tier-Beziehungen" in Kooperation mit der Humanmedizin eingeführt.
Mehr Informationen sowie den Termin und Ort des nächsten "Canine Science Forum" finden Sie unter:
http://csf2010.univie.ac.at/home