

Drastischer in ihrer Warnung wird die Kieler Verhaltensforscherin Dorit Urd Feddersen-Petersen. In ihrem Buch "Hunde und ihre Menschen" schreibt sie, man solle "niemanden zur Hundehaltung überreden, denn nicht selten resultiert ein Fiasko für die Hunde (und die Kinder der Familie)". Nur den Kindern zuliebe einen Hund aufzunehmen, funktioniert also nicht. Eine geglückte Mensch-Hund-Beziehung hängt entscheidend vom Halter selbst ab, von seiner Fähigkeit, den Hund Hund sein zu lassen und ihn nicht mit menschlichen Bedürfnissen zu überfrachten.
Auch die Schulhundführerin Patricia Führing sieht mit Argwohn, wie unüberlegt manches Mal zum Einsatzmittel Hund gegriffen wird: "Für Außenstehende entsteht oft der Eindruck, dass sich alle Probleme in der Klasse in Wohlgefallen auflösen, wenn ein Hund dabei ist. Dem ist bestimmt nicht so. Der momentane Schulhundboom bringt viele positive Möglichkeiten für das Zusammenleben von Kind und Hund, aber auch die Gefahr, dass ungeeignete Hunde in die Schule kommen. Wir befürchten nicht unberechtigt, dass ein Tier, das sein Unwohlsein einmal deutlich zeigt, unser Projekt von einem Tag auf den anderen beenden kann."
Entscheidung für einen Hund: das Bauchgefühl muss stimmen
Man sollte trotz Drängen auf das eigene Gefühl hören. Wer also Bauchschmerzen bei dem Gedanken bekommt, einen Hund ins Haus zu holen, sollte davon Abstand nehmen, sich selbst, seinen Kindern und dem Tier zuliebe. Glücklicherweise gibt es viele Wege für Kinder, mit Tiergefährten in Kontakt zu kommen, und es werden immer mehr. Der eigene Hund muss es nicht zwingend sein. Auch wenn es immer wieder Beispiele einer gelungenen Hunde-Integration gibt, trotz anfänglicher Ablehnung. Wie unlängst bei einer Familie aus Lübeck: Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, wünschten sich innigst einen Hund. Die Mutter war einverstanden, der Vater sagte Nein. Er hatte nichts gegen Hunde, aber wollte sich von einem Tier auch nicht einschränken lassen. Gegen flehende Kinderaugen und Betteln war er immun. Eines Tages fand er auf dem Wohnzimmertisch ausgeschnittene Zeitungsartikel über den positiven Einfluss von Hunden auf Familien. Kurz darauf entstand beim Abendessen eine sachlich geführte Diskussion über das Für und Wider von Hundehaltung in der Stadt. Die Kinder hatten Argumente. Emotionen blieben außen vor. Der Vater war beeindruckt. So viel Sachverstand hätte er seinen beiden nicht zugetraut.
Wie es ausging: Der Vater hat nach reiflicher Überlegung einem Hund zugestimmt. Mittlerweile erlebt er das Tier als Bereicherung und hat es ins Herz geschlossen. Sie gehen sogar ihre eigene Gassirunde. Die war von den Kindern nicht leicht zu bekommen.
Haben Hunde Einfluss auf das Stresslevel von Kindern?
Alex* steht vor den Prüfern. Die blicken ihn voller Erwartung an. Der klein gewachsene Junge soll kopfrechnen, das ist nicht seine Stärke. Davor musste er eine Geschichte zu Ende erzählen, was er noch so halbwegs hingekriegt hat. Aber jetzt: rechnen. Alex verhaspelt sich. Das Ergebnis ist falsch. Die Prüfer fordern ihn auf, noch mal von vorn anzufangen. Wie viel ist 57 minus ...
Der Zehnjährige vergräbt seine Hand in Jules Nacken. Die Lundehündin mit den lustigen sechs Zehen, wo andere Hunde fünf haben, sitzt neben ihm und drückt sich gegen sein Hosenbein. Der Junge krault ihr warmes Fell, während er im Kopf subtrahiert. Endlich ist es geschafft. Alex dreht den Kopf zur Seite, als ihm ein Helfer ein Stäbchen in den Mund steckt, ihm eine Speichelprobe entnimmt. Nun darf er gehen. Noch einmal streichelt der Junge über Jules weichen Kopf. Dann läuft er zur Tür, erleichtert, dass alles vorbei ist.
Die Matheprüfung ist Teil einer Versuchsreihe der D.A.CH.-Studie, die 2010 in Stockholm veröffentlicht wurde. D.A.CH. steht dabei für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz, die sich mit Forschungseinrichtungen und Wissenschaftlern gemeinschaftlich daran beteiligt haben. Die Studie wurde in vollem Umfang vom Lebensmittelkonzern Mars finanziert. Zu den Wissenschaftlern gehören neben anderen die Rostocker Psychologen Andrea Beetz und Henri Julius sowie der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. Sie wollten verschiedene Möglichkeiten der Stressreduktion bei Kindern testen, die aus problematischen Familienverhältnissen stammen. Denn diese Kinder haben, wie man sehen wird, nur eingeschränkte oder gar keine Möglichkeiten, mit Stress umzugehen.
Insgesamt wurden 88 Schüler, allesamt Jungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren, dem sogenannten Trierer Stresstest unterzogen, einem Verfahren, das aufgebaut ist wie eine alltägliche Prüfungssituation und dadurch kontrolliert Stress erzeugt. Man teilte die Kinder in drei Gruppen ein und stellte ihnen verschiedene Unterstützer zur Seite. Einmal war dies eine freundliche Studentin, ein anderes Mal ein Stoffhund. In der dritten Gruppe, in der sich auch Alex befand, kam ein lebendiger Hund zum Einsatz.
Bis auf wenige Ausnahmen kommen alle Kinder, die an der Studie teilnahmen, aus instabilen Elternhäusern. Manche sind Opfer sexueller Gewalt und schwer traumatisiert. Manche wurden misshandelt, andere vernachlässigt. Zumindest haben sie die Erfahrung gemacht, dass sich niemand um sie kümmert, wenn sie in Not sind. Das hat dazu geführt, dass sie kaum noch Vertrauen in Erwachsene haben. Die meisten der Kinder gehen auf Förderschulen, doch auch ihre Lehrer finden nur schwer zu ihnen Zugang.
Eine Stichprobe aus einer Gruppe von 31 Kindern zeigte: Das Stresshormon Cortisol, das mithilfe der Speichelproben gemessen wurde, stieg während des Tests bei den Gruppen, die von der Studentin oder vom Stoffhund begleitet wurden, stetig an, erreichte eine deutliche Höhe, um dann leicht abzufallen. In allen Fällen blieb das so gemessene Stresslevel höher als zu Beginn der Untersuchung. Das bedeutet: Die Kinder gingen gestresster aus der Übung heraus, als sie hineingegangen waren, ihre Unterstützer konnten ihnen nur wenig helfen.
Etwas ganz anderes ereignete sich dagegen in der Kinder-Hund-Gruppe: Hier wiesen die Probanden zwar einen anfangs höheren, dann aber nahezu kontinuierlich abfallenden Cortisolspiegel auf. Sie waren also gegen Ende des Versuchs entspannter und deutlich weniger gestresst als eingangs. Ihr Cortisolwert erreichte einen Pegel weit unterhalb des Ausgangswerts. Offenbar hatten die Kinder in dem Hund tatsächlich einen Unterstützer gefunden, der ihren Stresspegel senkte.

Helfen Hunde dabei, alte Wunden zu heilen?
Um zu verstehen, was dies für die praktische Arbeit mit traumatisierten Kindern bedeutet, muss man wissen, wie die Psychologie menschliche Bindungen definiert. Sie teilt soziale Beziehungen ein in "sicher", "unsicher" und "hochunsicher gebunden". Sicher gebunden ist beispielsweise ein Kind, das von seinen Eltern in den Arm genommen wird, wenn es weint oder Angst hat. Es lernt bereits in frühen Jahren fürs Leben, dass es mit seinen Sorgen ernst genommen wird, dass man ihm helfen will. Bei einem unsicher gebundenen Kind ist das anders: Da weisen die Eltern ihr Kind ab und überlassen es sich selbst. Ein hochunsicher gebundenes Kind schließlich hat Eltern, die ihm Gewalt antun, es misshandeln oder missbrauchen. Die engsten Bezugspersonen werden selbst zum Auslöser von Angst.
Nun hängen aber Stress und Bindung nach Auffassung von Henri Julius, dem Psychologen und Mitinitiator der Studie, eng zusammen. Da wir alle nun mal hochsoziale Wesen sind, so der Rostocker Wissenschaftler, können wir jeglichen Stress, der aus unserem Zusammenleben erwächst, nur reduzieren, wenn wir miteinander in engen Kontakt treten, uns in den Arm nehmen, umeinander kümmern. Unsicher gebundene Kinder haben diesen Trost nicht, von daher bleiben ihnen nur eingeschränkte Möglichkeiten, mit Stress umzugehen. Meist behelfen sie sich mit Ablenkung.
Hochunsicher gebundenen Kindern fehlt sogar das, sie kennen keine probaten Strategien der Stressbewältigung. Verschlimmernd kommt hinzu, dass die im Elternhaus erlernten Bindungsmodelle auf andere Beziehungen übertragen werden. "Ein Kind, das unsicher gebunden ist", sagt Julius, "rechnet auch bei seinem Lehrer mit Zurückweisung. Ein Kind, das hochunsicher gebunden ist, wird davon ausgehen, dass es von seinem Lehrer ebenfalls geschlagen, vernachlässigt oder missbraucht wird. Kinder erwarten von ihren neuen Bezugsfiguren immer das, was schon die alten Bezugsfiguren getan haben." Das ist der Grund, warum Therapeuten, Lehrer oder andere Personen, die sich einem solchen Kind nähern möchten, nur unter allergrößter Mühe Zugang zu ihm finden können.
Offenbar gelingt Hunden, was den Menschen versagt bleibt. Überraschenderweise, und das ist ein zentrales Ergebnis der D.A.CH.-Studie, findet der Hund eine Tür. Denn "diese Beziehungsmuster, die die Kinder haben", sagt Julius, "werden zwar auf andere erwachsene Bezugsfiguren übertragen, aber nicht auf Hunde. Das ist das Faszinierende." Hunde können demnach Bindungspartner für Kinder werden und in dieser Rolle wichtige Funktionen erfüllen. "Eine der wichtigsten Bindungsfunktionen", sagt der Psychologe, "ist die Stressreduktion."
Dass Hunde dazu in der Lage sind, ist dabei nicht das umwälzend Neue. Praktisch arbeitende Therapeuten wissen seit Jahren darum und stützen sich dabei auf ihre Beobachtungen und Erfahrungswerte. Auch die Wissenschaft kennt diesen Effekt: Im Jahr 2000 maß die US-Medizinerin Karen Allen bei Hundehaltern die Parameter Blutdruck und Puls und stieß auf den stressreduzierenden Einfluss von Hunden. Aber dass traumatisierte Kinder in ihnen den Beistand finden, den sie von Erwachsenen nicht annehmen, war für die Rostocker Psychologin Andrea Beetz das Erstaunliche. "Und das hat so auf diesem theoretischen Hintergrund auch noch keiner nachgewiesen.
Hund im Raum und die Prüfung gelingt?
Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal schränkt hier ein: Die bloße Anwesenheit eines Hundes reicht nicht aus. Kotrschal analysierte die Videoaufnahmen, die während des Stresstests gemacht wurden, und fand heraus, dass eine direkte Verbindung zwischen dem Körperkontakt von Kind und Hund und dem Senken des kindlichen Stresspegels existiert. "Es zeigte sich eine lineare Korrelation", sagt der DOGS-Experte aus Wien. "Je weniger die Kinder mit dem Hund in Kontakt traten, desto höher war ihr Cortisolspiegel. Und je intensiver sie sich mit ihm beschäftigten, umso geringer war das bei ihnen gemessene Cortisol. Das heißt, es wirkte nicht die Anwesenheit des Hundes an sich, sondern die Kinder holten sich ihre soziale Unterstützung, die sie erfahren hatten, aktiv ab."
Als zweite Einschränkung muss der Hund, soll er sinnvoll eingesetzt werden, bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu gehört, dass er von den Kindern gemocht wird, also positiv besetzt ist. Zu Beginn der Studie hatten die Wissenschaftler einen Australian Cattle Dog im Einsatz, der sehr liebenswürdig war, aber allein durch sein Aussehen manchen Schülern Angst machte. Die breiten Backen, der breite Kopf, "das hat nicht funktioniert", so Julius.
Wenn aber die Voraussetzungen erfüllt sind, können Hunde offenbar Pionierarbeit leisten, wo andere nicht hinkommen. Vielleicht gelingt es ihnen sogar, dass die Tür geöffnet bleibt, die sie aufstoßen - als Durchgang für Menschen, die helfen wollen. So meint Andrea Beetz: "Das könnte sich rückwirkend wiederum gut auf die Beziehung zu Menschen auswirken, auf den Therapeuten, den Pädagogen und das betreffende Kind." Doch das ist derweil noch Spekulation und lässt Raum für weitere Untersuchungen. Der kleine Alex jedenfalls spricht seit dem Stresstest von nichts anderem als von Jule: Auf dem Fragebogen, den er ausfüllen musste, hat er angegeben, dass er sich einen Hund wünscht. Der muss auch gar nicht sechs Zehen haben, fünf sind auch in Ordnung.
Text: Katharina Jakob