Gelenke nehmen Druck auf Dauer übel, die Pfoten des Hundes halten Belastungen stand. Sie sind verschleißfrei und empfindsam - DOGS erklärt, wie das kleine Naturwunder funktioniert.

Sensibel und extrem robust - die Pfoten des Hundes sind ein kleines Wunderwerk der Natur. Foto: Amanda Jones
Freuds Hund hatte den Bogen irgendwie raus. Als "entzückendes Geschöpf, so interessant, auch als Frauenzimmer, wild, triebhaft, zärtlich, intelligent", beurteilte die Chow-Chow-Hündin die Patienten in der Praxis des Psychoanalytikers. Jeder wurde freundlich begrüßt, jeder nett angewedelt, aber wenn ihr nach diesem ersten Kontakt jemand nicht gefiel, zog sie sich zurück. Für Herrchen Sigmund Freud ein wichtiger Hinweis: "Wen die Jofie nicht mag, mit dem stimmt was nicht", wusste er. Wer ihr aber gefiel, dessen Nähe suchte sie. Sanft bettelte sie um Aufmerksamkeit, reichte dem Patienten die Pfote und half ihm so, sich den Fragen des Arztes zu öffnen.
Diese Hundepfote - kaum jemand, dem sich eine entgegenstreckt, kann ihr widerstehen. Hunde seien, bekannte der Seelenforscher Freud, der in seinen jüngeren Jahren nicht eben als Hundefreund bekannt war, "Schönheit in einer sich vollendenden Existenz" - und die Hundepfote ist ihr Zeichen.
Die Pfoten des Hundes: ein kleines Wunder
Aus Sicht des Therapeuten hilft sie für den Blick in die menschliche Seele, aus Sicht der Biologen ist sie ein kleines Wunder: unglaublich flexibel, so robust, dass sie heißem Asphalt genauso standhält wie gefrorenem Boden, und gleichzeitig so empfindlich, dass sie nicht nur kleinste Temperaturschwankungen wahrnehmen, sondern dem Hund auch im Bruchteil einer Millisekunde melden kann, wenn er auf etwas Spitzes oder Scharfes tritt. Wer rechtzeitig den Fuß anhebt, statt auf etwas Scharfes oder Spitzes zu treten, bleibt unverletzt.
Anatomisch sind Pfoten ähnlich aufgebaut wie menschliche Hände: Vier durch Hautlappen miteinander verbundene Zehen tragen das Gewicht, der fünfte Zeh (unser Daumen) sitzt ein wenig höher am Vorderlauf. Ob er eine Funktion hat oder nur ein verkümmertes Anhängsel ist, darüber streiten Tierschützer und Hundezüchter seit Jahren.
Die einen schneiden ihn dem nur wenige Tage alten Welpen als unnütz ab, die anderen bezeichnen das als Quälerei und unterstellen, dass der Hundedaumen zumindest zum Halten von Stöcken, Knochen oder sonstigen Dingen tauge. Tatsächlich ist dieser Daumenzeh durch schmerzempfindliches Gewebe, Knochen und ein funktionierendes Gelenk mit dem Lauf verbunden. Wie jeder andere der vier Zehen hat auch er einen Ballen. Die haben es in sich: Die Haut, die sie schützt, ist mit rund 1800 Mikrometer etwa 50-mal dicker als die restliche Haut am Hundekörper. Um die Stoßdämpferwirkung des darunterliegenden Fettgewebes nur annähernd zu imitieren, geben die Sportschuhhersteller jährlich viele Millionen an Forschungsgeldern für neue Kunststoffe aus.

Vier durch Hautlappen verbundene Zehen, fünf Ballen, dazwischen ein paar Haare, das ist sie, die Hundepfote. Unverwechselbar wie der Abdruck eines Fingers ist sie nicht. Foto: Petrus Olsson/Plainpicture
Die Pfoten des Hundes: beschleunigen und bremsen
Gedämpft werden muss, denn wenn ein Hund über die Wiese fetzt, ist die Belastung groß: Durchschnittlich sechzig Prozent ihres Körpergewichts tragen Hunde mit den Vorderpfoten, die deshalb auch immer etwas größer sind als die Hinterpfoten.
Beginnt der Hund zu traben, kommen Beschleunigungskräfte hinzu. Die Belastung jeder Pfote steigt auf ungefähr das Körpergewicht des Hundes. Fällt er in den Galopp, ist es sogar das Doppelte. Das Bein eines nur zwei, drei Kilo schweren Chihuahuas trägt dann locker das Gewicht eines Dackels, ein 13 Kilo schwerer Cockerspaniel die Masse einen großen Jagdhunds, und bei einer bis 75 Kilogramm schweren Dogge ist es, als säßen ihr Herrchen und Frauchen gleichzeitig im Nacken.
Richtig heftig wird es, wenn die Tiere sich in die Kurve legen. Dann nämlich kommen zu den Beschleunigungskräften noch Vertikalkräfte hinzu. Und die zerren mit enormer Kraft an den Pfoten, weil Hunde - anders als wir Menschen - in der Kurve keine Geschwindigkeit verlieren. Spätestens beim Stopp zeigt sich, wie schlau Mutter Natur die Pfoten konstruiert hat.
Mit dem Mehrfachen des Hundegewichts werden die Zehen auf den Boden gedrückt, wobei sie sich an der Spitze spreizen und so ihre Fläche vergrößern, ein Prinzip, das von Reifenherstellern durch aufwendige Gummimischungen nachgeahmt wurde.
Pfotengänger berühren den Boden beim Laufen nur über die Zehen. Dabei werden sie von ihren Ballen getragen, den erhabenen, unbehaarten Partien der Haut, die von Muskeln oder von einem Polster verdickter Unterhaut unterlagert sind.
Die Pfoten des Hundes: robust und ausdauernd
Die Gelenke nehmen solche Belastungen auf Dauer übel, die Pfoten des Hundes nicht. Sie sind wie eine Glühbirne, die nie durchbrennt, oder eine Schuhsohle, die sich nicht durchläuft: absolut verschleißfrei. Natürlich sehen Ärzte manchmal aufgescheuerte Pfoten, durch normales Laufen aber sind die nie entstanden. "In der Regel steht hinter solchen Verletzungen eine für den Hund unnatürliche Situation wie zum Beispiel eine panikartige Flucht über Asphalt, bei der unnatürlich viel Druck auf die Pfote kommt", erklärt Dr. Andreas Engelke, Facharzt für Kleintierkunde in Quickborn. Scherben, Eiskristalle oder scharfkantige Kiesel können den Ballen aufschneiden. "Wund laufen", weiß der Experte, "können sich Hunde unter normalen Alltagsbedingungen aber nicht."
Wie viel "Know-how" im Aufbau von Pfoten steckt, erfahren die Wissenschaftler erst nach und nach. In einer Studie über den Bewegungsablauf von Hunden, die am Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie in Jena durchgeführt wurde, kam heraus, warum auch untrainierte Hunde locker mehrere Kilometer neben einem Fahrrad herlaufen können. Der Grund: Hunde verbrauchen dank ihrer Pfoten beim Laufen kaum Energie. "Beim Auftreten werden die Gelenke gestaucht und die Muskeln und Sehnen gedehnt", erklärt der Studienleiter, Professor Martin Fischer. Beim sogenannten Abfußen, also dem Abstemmen der Pfote vom Boden, wird die durch Dehnung im Körper gespeicherte Energie freigesetzt: Muskeln und Sehnen schnellen dann wie eine Feder zurück.

Der Hund ist ein Pfotengänger und berührt den Boden beim Laufen nur mit den Zehen. Dabei wird er von seinen Ballen getragen.
Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, warum Ihr Hund im Trab leicht nach vorn geduckt läuft, kommt hier die Antwort: Er nutzt die Schwerkraft. "Durch die über seinen Bewegungsapparat zurückgewonnene Energie in Verbindung mit dem nach vorne verlagerten Schwerpunkt laufen Hunden im Trab fast von allein", erklärt Professor Fischer. Ein Beispiel, welche Leistungen dadurch möglich sind: Beim Iditarod, dem mit mehr als 1.800 Kilometer Strecke längsten Schlittenhunderennen der Welt von Anchorage in Alaska in die Stadt Nome, laufen die schnellsten Gespanne nach etwa neun Tagen durchs Ziel. Das sind zweihundert Kilometer am Tag. Jeden Tag! So eine Leistung schafft kein anderes Tier auf der Welt.
Dabei sind die Pfoten so unglaublich empfindlich. Kitzeln Sie Ihren Hund mal an den Zehen, der zieht sofort weg. Die rauen, grau-schwarzen, verhornten, irgendwie unförmigen und stabilen Fettpolster stecken voller Rezeptoren. Sie erkennen Temperaturveränderungen, Berührung, Vibration und Schmerz. Forscher vermuten überdies, dass aus den Sohlenballen beim Scharren Duftstoffe herausgedrückt werden, durch die der Hund eine Ich-war-hier-Nachricht hinterlässt und sie so manches Mal über hoch fliegende Erdpartikel in die Gegen schleudert.
Die Unterhaut der Hundeballen weist reichlich Fettgewebe mit Schweißdrüsen auf und ist durch Haltebänder aus kollagenen und elastischen Fasern, die radiär-netzförmig angeordnet sind, gekammert. Diese Bänder strahlen von der Lederhaut in die Unterhaut ein und verankern den Ballen an dem unterliegenden Bindegewebe und am Skelett.
Die Pfoten des Hundes: Schutz im Winter?
In der Dezember-Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift "Veterinary Dermatology" wurde Ende vergangenen Jahres übrigens eines der großen Alltagsgeheimnisse der Hundepfote gelüftet. Japanische Forscher der Yamazaki Gakuen University in Tokyo hatten gefragt, wie es möglich sei, dass Hunde sich im Winter mit einem dichten Fell gegen die Kälte schützen müssen, aber auch bei strengen Minustemperaturen stundenlang im Schnee stehen könne, ohne kalte Füße zu bekommen. Von Freunden und Bekannten borgten sie sich Hunde aus, legten deren Pfoten unter ein Elektronenmikroskop und stellten fest, dass Hunde es im Winter wie die Pinguine machen: Die Blutkreisläufe, die bei allen Säugetieren getrennt verlaufen, die arteriellen (sauerstoffreiches Blut wird vom Herzen wegtransportiert) und venösen (sauerstoffarmes Blut fließt zum Herzen hin), bilden in der Hundepfote ein engmaschiges Netz, das dafür sorgt, dass alle Blutgefäße in den Pfoten immer auf Körpertemperatur gehalten werden. Bei Menschen war Mutter Natur nicht so findig. Uns hat sie allerdings ein Gehirn mitgegeben, durch das wir irgendwann einen guten Winterstiefel erfinden konnten.
Die Hundepfoten beherbergen außerdem die einzigen Schweißdrüsen, die der Hund hat. Im Sommer hinterlässt er an besonders heißen Tagen feuchte Abdrücke auf dem Boden. Wer einmal daran schnüffelt, erlebt vielleicht eine olfaktorische Überraschung: Von angenehm nussig bis hin zu Käsefuß ist alles möglich. Wenn es allzu schlimm wird mit dem Schweißgeruch, hilft beim Hund wie auch beim Menschen: waschen.
Text: Philip Alsen
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