Hundetrainer Michael Grewe zeigt Parallelen zwischen der Erziehung von Kindern und Hunden und erklärt die fünf wesentlichen Irrtümer, an denen Erziehung oft scheitert.

Familien mit Kind und Hund leisten ganze Erziehungsarbeit.
1. Wir sind Partner!
Irrtum! Hunde und kleine Kinder können und dürfen nicht als Partner am Erziehungsprozess beteiligt werden. Der Begriff Partner oder auch Sozialpartner stellt per se keinen Vorteil dar. Weder kleine Kinder noch Hunde können ihre Fehler einsehen oder ihr Tun reflektieren, was für eine partnerschaftliche Beziehung unbedingt notwendig wäre. Daher muss man ihnen mit der Einstellung begegnen: "Ich sage dir, was zu tun oder zu unterlassen ist, und du musst dich fügen!"
Hunde und Kinder, die diese Ansprüche wohlwollend und verständnisvoll vom Erzieher vermittelt bekommen, erfahren soziale Stabilität und Sicherheit, was ihnen ein glückliches, geborgenes Leben beschert. Den Erziehungsauftrag in diesem Sinne bewusst anzunehmen schützt alle Beteiligten vor Überforderung und Hundehalter sowie Eltern vor Enttäuschungen, weil partnerschaftliche Erwartungen nicht erfüllt werden können.
2. Dressur ist Erziehung!
Irrtum! Es ist falsch anzunehmen, man müsse nur liebevoll und lange genug Sitz, Platz, Fuß und andere Grundstellungen üben, dann wäre der Hund am Ende dieses Vorgangs "erzogen". Hier wird Erziehung mit Dressur gleichgesetzt. Erziehung beschreibt aber einen sozialen Vorgang, in dessen Verlauf der Hund in die Lage gebracht werden soll, sich angepasst in unserer Welt zu verhalten. Er muss also wissen, was sich gehört und was nicht! Dressur beschreibt lediglich einen Vorgang des "formalen Lernens". Mit anderen Worten: Es gibt Hunde, die super Platz machen können, aber Jogger hetzen und beißen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben.
Dressur und Erziehung lassen sich aber gut miteinander verbinden. Dazu stellt man sich am besten eine Situation vor, in der der Hund Platz machen soll und mit Blick auf den Hasen antwortet: "Du, ich weiß zwar, was du willst, aber ich kann gerade nicht. Ich lauf jetzt mal zum Hasen!" Die Verbindung zwischen sozialem und formalem Lernen besteht nun darin, dass der Hundehalter letztlich diesen Konflikt für sich entscheidet und sagt: "Halt, mein Kleiner. Ich habe Platz gesagt!" und seine Forderung dann auch durchsetzt. Das heißt, der Hund muss nicht weiterhin Platz üben, das kann er ja formal bereits, der Hundehalter muss dafür sorgen, dass der Hund dies auch verlässlich tut!
3. Erziehung ist Kopfsache!
Irrtum! Vielen Erziehern, ob nun als Eltern oder als Hundehalter, fehlt eine Portion Bauchgefühl dafür, wie sie sich gegenüber ihrem Kind oder Hund in Konfliktsituationen verhalten sollen. Dieses Gefühl ist intuitiv und daher nicht intellektuell erfass- oder erlernbar. Man kann es also nur durch eigenes Handeln, durch Erfolg und Misserfolg, lernen.
Wer sich auf seine eigene Intuition verlässt und seinen Blick auf die Besonderheit des eigenen Schützlings richtet, versucht nicht, so zu erziehen, wie es vielleicht ein anderer es tut. Kinder und Hunde merken nämlich sofort, ob ein Erzieher wirklich authentisch ist. An dieser Stelle möchte ich gern den Begriff der Gelassenheit in Bezug auf die eigenen Fehler einbringen. Damit ist gemeint: Ich darf als Erzieher Nerven haben und sie zeigen, ich darf auch mal ungerecht sein, ich darf hilflos sein - ich darf menschlich sein!
4. Harmonie muss immer sein!
Irrtum! Erziehung ist nicht leicht und macht auch nicht permanent Spaß. Eine von falschen Harmonievorstellungen geprägte Herangehensweise an Erziehung ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Erziehung ist anstrengend, von Konflikten begleitet und alles andere als immer nur nett. Wer seinen Hund oder sein Kind erziehen will, um innig geliebt zu werden, verkennt das Ziel von Erziehung. Wer immer nur gut und lieb sein möchte, wird in Konfliktsituationen nicht ernst genommen.
Daher darf man als Erzieher einem Streit nicht ausweichen, sondern sollte Kontroversen sogar gezielt aufsuchen, um sie für sich zu entscheiden. In der Summe all der souverän gelösten Konflikte werde ich dann auch die Akzeptanz des zu Erziehenden erhalten. Weil dieser mich als Verantwortlichen braucht ebenso wie meine Handlungsfähigkeit und meine soziale Präsenz! Gelingt das, kann ich auf Liebe und Vertrauen hoffen.
5. Jede Rasse passt zu mir!
Irrtum! Die Rasse des Hundes sollte den erzieherischen Fähigkeiten des Besitzers entsprechen. Auch die emotionalen Erwartungen des Halters an seinen Hund spielen eine Rolle. Will ich einen Hund, der mir den ganzen Tag zeigt, wie toll er mich findet, eignen sich gewisse Rassen oder Typen einfach nicht. Wie manche Menschen haben es etliche Hunde nicht nötig, der Welt und somit auch dem Halter zu gefallen.
Viele Hunde und einige Rassen im Besonderen sind extrem konflikt- und durchsetzungsfähig. Was soll wohl dabei herauskommen, wenn meine Potenziale als Erzieher deutlich unter dem Niveau meines Hundes liegen?
Wenn ich mir einen Rassehund mit einer bestimmten Fähigkeit auswähle, sollte ich genau diese Fähigkeit auch wollen. Wenn ich einen Hund zum Kuscheln haben möchte, kann ich mir durchaus einen Schoßhund holen. Wenn diese fünf Kilogramm schweren Hunde beißen - was sie auch können und tun, wenn man sie nicht erzieht -, ist das Loch in der Hand wesentlich kleiner als bei einem fünfzig Kilogramm schweren Hund. Damit kann man quasi leben.