Als kleinster unter den Retrievern ist der "Toller" besonders gut für die Jagd auf Federvieh geeignet. Doch der kleine Rote hat noch mehr zu bieten.

Eine kleine Version des Golden Retrievers? "Nichts könnte verkehrter sein", sagen Züchter über den "Toller"
Quirlige Lockhunde mit indianischen Wurzeln
Oranje wedelt mit der Blume - Hundelatein. Gemeint ist die weiße Spitze ihrer Rute. Die Hündin schnürt zwischen den Bäumen eines Buchenwäldchens hin und her, die Nase konsequent auf dem Boden. Sie arbeitet systematisch. Ist ein Teilstück durchkämmt, läuft sie auf den Weg und startet von dort in das nächste. Dummy-Suche. Tägliches Training: fünfzehn Minuten Maximum. Pier Orrù hat zuvor, von der Hündin unbeobachtet, sechs mettwurstförmige Beutel ins Gehölz geworfen. Nach zwei Minuten hat Oranje auch den letzten Dummy gefunden. Das Ergebnis von einem halben Jahr konsequenten Training und Oranjes Intelligenz. Sie ist führig, wie es im Hundelatein heißt.
Nova Scotia Duck Tolling Retriever, Oranje van de Amandelgarden lautet ihr voller Name. Sie gehört zur kleinsten von sechs Retriever-Rassen. Nur etwa vierhundert ihrer Art leben in Deutschland. 49 Welpen verzeichnete die Statistik des Verbands für das Deutsche Hundewesen für das Jahr 2007, Tendenz langsam steigend. Der Grund für die Seltenheit: Toller sind Spezialisten, gezüchtet, um für den Jäger Enten und Gänse vom offenen Wasser ans Ufer zu locken und nach dem Schuss aus dem Wasser zu holen. Eine Fähigkeit, die sie von den fuchsähnlichen Hunden amerikanischer Ureinwohner in Acadia, dem heutigen Nova Scotia, übernommen haben sollen - so heißt es in einer von mehreren Legenden über den Ursprung der raren Rasse. Mi'kmaq-Indianer ließen ihre fuchsroten Hunde am Ufer auf und ab tollen, während sie sich selbst im Gebüsch versteckt hielten. Kamen die neugierigen Enten ans Ufer, erlegten die Indianer sie mit Pfeil und Bogen und die Mi'kmaq-Hunde fischten die Beute aus dem Wasser.
Seit etwa dreihundert Jahren, so lange wie Weiße in Nova Scotia siedeln, gibt es, kanadischen Hundeforschern zufolge, die quirligen Lockhunde. Ihr erster Name, Little River Duck Dog, bezeichnet noch exakter den Distrikt Little River im Südwesten der Halbinsel, aus dem sie stammen: ein dicht bewaldetes, von Süßwasserseen durchzogenes Gebiet, der ideale Lebensraum für Entenvögel. Der Duck Dog war ein Mix aus allen möglichen von Siedlern mitgebrachten Hunden. Noch heute sieht der holländische Kooikerhondje dem Toller ähnlich. Von den Old Farm Collies hat er das Hüteverhalten geerbt. Welsh Springer Spaniel, Bretonischer Vorstehhund und Irish Red Setter gaben das Apportiertalent. Und vielleicht spendete auch noch der eine und der andere indianische Urhund seine Gene. Viele Väter, viele Mütter: Das Ergebnis ist eine Rasse, die nicht besonders einheitlich wirkt. Es gibt Momente, da sieht der Toller aus, als habe man ihn, Kopf, Schwanz, Rumpf, aus vielen Hundearten zusammengesetzt. Patchwork.
Für manchen Hundenarren ist gerade dies der Ausweis unverfälschter Ursprünglichkeit - und der Toller in seinen Augen ein ungeschliffener Rohdiamant. Erst seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bemühte sich ein gewisser Colonel Cyril Coldwell um die reinerbige Zucht des Rotpelzes. Auf sein Betreiben wurden 1945 schließlich fünfzehn Hunde auf den Namen Nova Scotia Duck Tolling Retriever im Canadian Kennel Club registriert. Nicht alle erwiesen sich als zuchttauglich. Und so lassen sich heute die Stammbäume aller Toller auf nur fünf - andere Quellen sagen vier - Hunde zurückführen. Bedenklich wenige, sagen einige. Nicht der richtige Name, sagen andere. Denn eigentlich habe der Toller viel mehr Spaniel- als Retrieverblut in den Adern, stamme außerdem nicht wie die anderen fünf Retriever-Rassen von Neufundland.
Wie ein Federwisch toben Dimple, Stableford und ihre Mutter Yakima herbei, nicht mal kniehoch, eichhörnchenfarbenes Fell, lustige Tütenohren, Übermut in den Augen. Das Haarkleid sitzt an den Hinterläufen wie eine Pumphose. Der Schwanz steht nicht still. Fröhlichkeit treibt sie auf Sessel, Schoß und Tisch. Neugierde zum neuen Menschen. Küsschen, Pier Orrù macht vor, wie das aussieht: spitzes Maul, spitze Lippen. Dimple darf das. Sie ist das Nesthäkchen, die Prinzessin, acht Monate alt. Im Herbst hatten die Orrùs sie vom Käufer wieder geholt. Abgemagert. Was war verkehrt gelaufen? In fast allen Hundebüchern steht, dass Toller unkomplizierte, leicht zu handhabende Familienhunde seien, kleine Golden Retriever. "Nichts könnte verkehrter sein!", sagen Gabi und Pier Orrù.
Für Anfänger eine Herausforderung
Der kleinen Dimple war rohes Fleisch zum Fressen angeboten worden. Unmöglich für einen Hund, der Welpenzähne hat. Doch das gilt für die meisten Welpen und ist nicht Toller-typisch. Es sind andere Rasseeigenarten, die den roten Quirl für Anfänger zur Herausforderung machen. Erstes Beispiel: Ein Toller verzeiht nicht. "Während ein Labrador es wegstecken kann, wenn man ihn mal anschnauzt", sagt Pier Orrù, "weicht der Toller zurück. Er zeigt devotes Verhalten." Die Bindung zu seinem brüllenden Menschen ist angeknackst und muss mühsam wieder aufgebaut werden. Anderes Beispiel: Der Toller will an der Leine nicht weiter gehen, er bleibt sitzen, er "blockt".
Verkehrt wäre es jetzt, ihn zu ziehen. Richtig ist locken. "Sie müssen sich interessant machen. Wir haben immer alle Taschen voller Spielzeug, Klicker, Leckerchen", sagt Pier Orrù. "Motivation ist das A und O." Noch ein Wesenszug: Der Toller ist ballsüchtig, er liebt das Spiel und kennt keine Grenzen. Hin und her, den Ball werfen lassen, den Ball holen, bis es zu viel ist. Dann "flippt er", sagt Pier Orrù, das heißt, er wird hektisch. "Wenn sein Halter hier nicht den Überblick behält, ihn rechtzeitig zur Ruhe bringt und das Ballspiel sein lässt, hat er schnell einen hyperaktiven Querulanten."
Eigensinn ist das große Talent der Toller. Als Duck Dog locken sie nicht nur, sie apportieren auch. Voraussetzungen dafür sind eine hohe Aufmerksamkeit und blitzschnelle Reaktionsfähigkeit. "Rattenschnell sind die", sagt Gabi Orrù, "sie haben Pfeffer im Hintern." Solche Sensibilität muss auf den richtigen Weg gebracht werden. Toller, die nicht ausgelastet sind, werden lethargisch oder aggressiv, entwickeln sich zu Protestpinklern oder Familientyrannen - ein Grund mehr, warum Gabi Orrù und viele im Deutschen Retriever Club organisierte Toller-Freunde wollen, dass dieser Vierbeiner bleibt, was er in der Vergangenheit war: ein intelligenter Arbeitshund, ein Wasservogelspezialist und erst in zweiter Linie Familienmitglied.
Intelligenter Allrounder
Das kann man auch ganz anders sehen, meint Alexander Däuber, der Vorsitzende und Gründer des ersten Toller Clubs Deutschland, TCD, im rheinland-pfälzischen Bann. Nach seiner Erfahrung - er züchtet seit 2003 Toller - ist der intelligente Allrounder "ein idealer Familienhund": nicht aggressiv, anhänglich, durchaus für Anfänger geeignet. Woher kommt die unterschiedliche Einschätzung? Das sei eine Frage der Wahrnehmung, meint Däuber. Erstens könne man nichts pauschalisieren und jeder Hund sei ein Individuum.
Zweitens käme es auf das Zuchtziel an, auf das durch die Wahl der Zuchthunde in die eine oder andere Richtung gedrängte Verhaltensmuster. Entschieden setzt sich Däubers 2006 gegründeter und seit Oktober 2008 vom VDH anerkannter Club für die Zucht des gesellschaftstauglichen Tollers ein.
Ein anderer Grund, sorgfältig darauf zu achten, aus welchen Linien der Toller stammt, sind Krankheiten. Neben den Hüft- und Ellenbogengelenksdysplasien und den Augenkrankheiten (die für Zuchtzulassungen weitgehend ausgeschlossen sein müssen) geht es dabei um die sogenannte Tollerkrankheit. Das ist ein unpräziser Begriff, der zweierlei durcheinander wirft: eine rheumatische Erkrankung, die zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr auftritt, und die SRMA, eine nicht restlos aufgeklärte Autoimmunerkrankung, bei der die Hunde Fieber bekommen, appetitlos, depressiv und steif werden.
Gabi Orrù betreibt die Zucht mit größtem Ernst. Welpen können bei ihr nicht bestellt werden, schon gar nicht telefonisch. Sie will mögliche Interessenten kennen lernen und erwartet von ihnen höchstes Engagement. Auch kann sich niemand seinen Hund aussuchen. Er wird zugeteilt mit der Verpflichtung, im ersten Jahr zu drei Nachzuchttreffen zu kommen. Dafür engagieren die Orrùs Fachleute, die zum Beispiel erste Übungen im Gehorsams- und Klickertraining machen. Das Ziel ist, "eine Basisausbildung zu schaffen", für die Hunde und ihre Menschen.
Wie aber sieht für Gabi und Pier Orrù der perfekte Toller-Mensch aus? "Natürlich gibt es den nicht", beschwichtigt Pier Orrù. Er formuliert es lieber mit einem Ausschlussverfahren: Wer einen Toller halten möchte, darf auf keinen Fall ein Hektiker, Choleriker oder nervöser Mensch sein. Und er sollte eines wollen: "lernen, den Toller zu verstehen. Denn er ist anders als andere Hunde."
Steckbrief des Nova Scotia Duck Tolling Retrievers
Alle Hunderassen im Überblick