

Die Einstellung zur Leistung des Hundes ist der gravierende Unterschied zwischen den Vereinen. Leistung kann bedeuten, dass der Hund wohlerzogen ist, nicht Wild und Radfahrern hinterhersetzt, seiner Familie folgt und am Haus bleibt. Für den mächtigen SV ist neben solchen Grundfähigkeiten Leistung unabdingbar mit dem Bestehen der Schutzdienstprüfung verbunden, bei der Hunde unter anderem Diebe und Angreifer verfolgen, stellen und eventuell packen müssen. Nur mit erfolgreicher Prüfung erhält der einzelne Deutsche Schäferhund sein Qualitätssiegel und damit die Zuchtzulassung. Einige Vereine langhaariger Schäferhunde wie etwa der Langhaar-Schäferhunde-Verband, LSVD, folgen dieser Vorgabe.
"Saugefährlich" findet das Jürgen Gökeler, erster Vorstand des Altdeutschen Schäferhundeverbands ASVD. Er fragt: Wie wird solch eine Leistung erzeugt? Wie bringt man den Hund dazu, den flüchtenden Einbrecher am Arm zu packen und sofort wieder loszulassen, wenn der Dieb stehenbleibt. Um den Hund zum Zupacken zu bringen, nutzt der Ausbilder den Spiel- und Beutetrieb. Was aber, wenn der Trieb beim Lehrhund nur schwach vorhanden ist? Was, wenn dann sein Wehrverhalten provoziert wird, um beim Hund endlich den Beißreflex auszulösen? "Hier können gefährliche Reaktionsmuster verankert werden, und keiner weiß, was sie verursacht", warnt Jürgen Gökeler.
Das Scharfmachen lässt kein Ausbilder zu
Jedenfalls keiner mit Verantwortungsbewusstsein. Trotzdem kommt es vor. Um jedem Missbrauch vorzubeugen, verzichten Vereine wie der ASVD ausdrücklich auf die Schutzdienstprüfung als Voraussetzung für die Zuchttauglichkeit ihrer Hunde.
Lieb, nicht scharf soll dieser Hund sein, so möchte es auch Trainerin Anna Neumann. Die meisten Menschen werden ihr zufolge von Worten wie Schutzdienst abgeschreckt. "Sie wollen einen vierbeinigen Gefährten haben, der mal wau, wau macht, der Fremden nicht zu neutral gegenübersteht, der spazieren geht, der freundlich zu Kindern ist und vor allem nicht sportlicher als man selbst." Was sich beim Aufzählen wie harmlose Nettigkeiten anhört, ist, so Anna Neumann, "ein Bündel wahnsinnig vielfältiger Aufgaben". Man könnte es mit dem Tun der Hausfrau vergleichen. Für Neumann ist es "wahre Leistung, wenn ein Hund die alle erfüllt".
In diesem Sinn sind Gabor, Nele und Orlie Musterbeispiele eines Familienhundes, einer Definition, die es in der herkömmlichen Systematik nicht gibt. Je nach Verwendung wurden Rassen in Gruppen eingeteilt. Dabei sind Hüte- und Treibhunde, Apportier-, Vorsteh- und Windhunde die Hunde des Urtyps - und in Gruppe 9 die Gesellschafts- und Begleithunde. Dazu zählen Modehunde des Adels, etwa Löwchen, Bichon Frisé, ebenso wie Palasthunde. Der Familienhund fehlt.
Veränderte Kulturbedingungen im letzten halben Jahrhundert
Dabei stellen veränderte Kulturbedingungen im letzten halben Jahrhundert neue Anforderungen an alle Hunde. Heute werden nur noch selten die Bullentreiber, Mäusekiller, Hofbewacher von früher gebraucht. Jagdhunde sind im Verhältnis zu früher elitär. Von Nutzen für den modernen Menschen sind stattdessen vierbeinige Rettungs- und Polizeiassistenten, Drogenaufspürer, Therapiehelfer, persönliche Begleiter in Sport und Spiel - und vierbeinige Supernannys. Besonders in der modernen Kleinfamilie haben sich Aufgaben gebildet, für die Hunde, geprägt durch eine Jahrtausende lange Koevolution mit dem Menschen, prädestiniert sind.
Wissenschaftler, zum Beispiel der Pädagoge und Tierarzt Norbert Rehm, haben gezeigt: Hunde ermöglichen es Kleinkindern, ihre natürliche Egozentrik abzulegen und die Außenwelt wahrzunehmen. Sie geben Kindern, deren Eltern arbeiten, eine Konstante im Haus. Sie schaffen Wärme und soziale Bindung. Erwachsenen helfen sie durch die Ablenkung auf ein drittes Wesen, Auseinandersetzungen zu bestehen. Und sie sorgen für Kontakte zur Außenwelt, Aufgaben, die in Großfamilien einst von Menschen geleistet wurden.
Wie groß der Wunsch nach einem Familienhund ist, zeigen unter anderem Internetforen wie www.familienhunde-info.de, das besonders geeignete Rassen nennt. Da findet man neben Königspudel, Border Collie und dem Golden Retriever auch Designerrassen wie den Wäller, einen Hybrid aus Briard und Australian Shepard, oder den Germanischen Bärenhund, eine Rückzüchtung aus Bernhardiner und Weißem Hirtenhund. Doch wozu immer neue Hunderassen, sagen Kenner, wir haben alle, die wir brauchen. Und Anna Neumann verweist auf ihre dickpelzigen Freunde.
Dass die Altdeutschen Schäferhunde viele Sympathien auf sich ziehen, haben die Funktionäre der traditionellen Schäferhundvereine längst bemerkt. Der Langhaarige gilt als echte Alternative zum stockhaarigen Schäferhund. Je mehr der Deutsche Schäferhund wegen überzogener Leistungsdressur oder deformierender Ergebnisse von Züchtungszielen in die Kritik geriet, desto stärker avancierte der Altdeutsche zu der kernigen, robusten und gemütserwärmenden Alternative für die Freunde der Rasse. Sein üppiges Fell lasse ihn nicht nur gesetzter aussehen, sondern bewirke auch, sagen seine Anhänger, dass er "bratzköpfig", das heißt im Temperament etwas gebremster sei. Er guckt erst mal und wägt ab. Er ist nicht sofort auf Zack und seinen Herrchen Untertan. Sie sind stolz auf seine Charakterstärke, mit der er steht wie ein Fels in der Brandung.
Beliebtheit des Deutschen Schäferhundes im Vergleich gesunken
Die Beliebtheit des Bruders mit den kurzen Haaren ist im Gegensatz zum Altdeutschen Schäferhund in den vergangenen zehn Jahren gesunken. 1999 waren es fast 24.000 gemeldete Welpen, 2009 gab es nur noch 18.000. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum der SV von seiner Ausgrenzungspolitik abgerückt ist.
Seit April 2010 sind die Zottelhaarigen im Stammverein der Deutschen Schäferhunde zur Zucht zugelassen. Fraglich ist nur, ob die Züchter Altdeutscher in den Verein hineinwollen. Bisher kenne sie keinen, sagt Anna Neumann. Zu sehr ginge es im SV um eine überzogene Art der Leistung. "Bei denen wird sogar Schafehüten zum Leistungshüten", spottet sie, "statt das zu bleiben, was es ist: artgerechtes Tun." Sie geht zum Hüten, weil sie Schäferhunde mag, will ihnen bieten, was ihrem Instinkt entspricht, etwas, worin "meine Hunde einen Sinn sehen", und will von ihnen haben, was sie seit jeher sind: ein Familienmitglied.
Steckbrief des Altdeutschen Schäferhundes
Alle Hunderassen im Überblick