

Magyar Vizsla: Geschichte Ungarns
Seine Geschichte ist die Geschichte Ungarns, eines Landes, das ungefähr so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern und Bayern zusammen und durch zwei weitläufige Tiefebenen geprägt wird, die Puszta, auf deutsch: Ödnis. Sie ist eine Landschaft, die von Menschen geschaffen wurde. Die ungarischen Wälder wurden bereits im 16. Jahrhundert abgeholzt, die Stämme an den Ufern der Donau und der Theiß, ihres längsten Nebenflusses, zu Dämmen aufgetürmt. Nach und nach entstand so ein Grasland, das bis zum Horizont reicht, fast baumlos ist und größtenteils aus Sandboden besteht. Ackerbau war in der Puszta unmöglich, für Hasen, Kaninchen, Rebhühner und Wachteln aber war es ein Paradies.
Heiße Sommer waren so selten wie wirklich strenge Winter, das hohe Gras bot reichlich Deckung, und es gab jede Menge Insekten und Kräuter als Nahrung. Der Wildreichtum der Puszta Ungarns machte sie zum beliebten Jagdrevier der Adeligen. Hoch zu Pferde, einen Falken auf dem Arm, vergnügten sie sich auf dem Gras. Die Hunde, die sie mitführten, suchten das Wild. "Vizsla" bedeutet auf Deutsch schlicht "Hühnerhund", "Magyar" heißt ungarisch.
Vizsla waren schwer begehrt und galten an den Höfen und in den Gutshäusern als wertvolles Geschenk. Bilder aus der Zeit zeigen kräftige Hunde. Wie viel von ihnen noch in den Vizslas, die wir kennen, steckt, weiß niemand. Denn im 18. Jahrhundert entdeckte auch der ungarische Adel den Jagdhund als Accessoire. Mit einem Mal wurden Hunde nicht nur nach ihrer Funktion, sondern auch nach ihrem Aussehen bewertet. Schönheit und Eleganz waren wichtig, und wem sein Hund nicht gefiel, der kreuzte Setter, Pointer und andere Rassen ein. Erlaubt war, was gefiel. Dass dabei die ursprünglichen Vizsla immer weniger wurden, störte zunächst niemanden. Ein Hund war schließlich nur ein Hund, einen Rasse-Begriff wie wir ihn heute kennen, gab es noch nicht. Und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, einen Hund als nationales Kulturgut anzusehen, auf das man sogar stolz wäre.
Das änderte sich erst 1916. Zwei Jahre zuvor war der Erste Weltkrieg ausgebrochen, das Österreichisch-Ungarische Kaiserreich kämpfte ums Überleben. Die Menschen litten, und mit einem Mal besannen sich viele Ungarn auf ihre Geschichte. Im November 1916 veröffentlichte ein Jäger in einer beliebten Jagdzeitschrift einen Artikel über die "alten Hunde Pannoniens". Ob es sie wohl noch gäbe? Keine Resonanz. Über ein Jahr lang hörte er nichts.
Doch dann meldete sich jemand. Ein Arzt schrieb, ihm sei ein etwa sechs Jahre alter Hund zugelaufen, den er "Witti" genannt habe und den er in nur drei Monaten "zum perfekten Vorsteher" ausgebildet habe. Der Hund habe zwar weiße Pfoten, aber er sei schließlich schon alt, sehe sonst aber aus wie in dem Zeitschriftenartikel beschrieben. Witti wurde der Stammvater der modernen Vizslas. Über mehrere Jahre wurde mit seinen Nachkommen eine mehr oder weniger starke Inzucht betrieben. Hunde mit weißen Pfoten oder Brustfleck wurden dabei konsequent aus der Zucht ausgeschlossen.

1920 wurde Ungarn gezwungen, den Friedensvertrag von Trianon zu unterschreiben. Das Land verlor fast zwei Drittel seines Territoriums an die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien. Für Ungarn ist es eine große Katastrophe, in den Menschen entfacht sie einen großen Nationalstolz. Nun sollte auch der alte ungarische Vorstehhund wieder zu Ehren kommen. Noch im gleichen Jahr taten sich verschiedene Züchter zusammen und führten das erstes Zuchtbuch für den Magyar Vizsla ein.
Anfang der 1960er Jahre tauchten Vizslas in Deutschland auf. Jäger brachten sie aus Ungarn mit - und wurden ausgelacht. Denn Jagd hat viel mit Tradition zu tun, und nicht jeder Jäger ist Neuem gegenüber aufgeschlossen. Tatsächlich galt für den Hund des deutschen Jägers das militärische Prinzip von Befehl und Gehorsam. In den Wäldern ging es zu wie auf einem Kasernenhof, und Kinder, die mit großen Augen vor den Zwingern standen, hörten oft: "Lasst den Hund in Ruhe, der soll mal ein Jagdhund werden!"
Ein vor Freude überbordender, jeden Menschen freundlich begrüßender Vizsla passte da nicht ins Bild. Und auch die Vizsla-Führer, so schien es, waren seltsame Vögel: Statt im Zwinger hielten viele die Hunde im Haus, sprachen mit ihnen und dachten sich, wo andere Rohrstock und Stachelhalsband zur Hilfe nahmen, allerlei Methoden aus, ihre Hunde ohne viel Zwang auszubilden. Denn "leichtführig" und "sensibel" seien sie, die Ungarn. Zwang mache sie kaputt. "Kompletter Quatsch", konterte die Gegenseite und bezeichnete die Vizslas als "wesensschwach" und "verweichlicht". Bis vor etwa 15 Jahren fristete der Vizsla in Deutschland ein Schattendasein. Kaum einer kannte ihn, und bei den wenigen im Verein ungarischer Vorstehhunde (VuV) zusammengeschlossenen Züchtern kamen pro Jahr keine hundert Welpen zur Welt.
Doch die Gesellschaft änderte sich. Hunde wurden plötzlich interessant, und Hundeschulen schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit einem Mal gab es professionelle Dog-Walker und ausgebildete Hunde-Physiotherapeuten. Hundesportarten wie Disc-Dogging, Fährtenarbeit, Mantrailing und Obedience fanden begeisterte Fans, und eine gewaltfreie Hundeerziehung gehörte zum Grundverständnis. Selbst Schäferhundvereine, bis dahin der Inbegriff eher rüder Ausbildungsmethoden, veranstalteten jetzt Motivationsseminare und öffneten sich für Sportarten wie Agility und Dog-Dancing.

Hunde wurden vom Sachgegenstand zum Familienmitglied, und Diskussionen wie "Darf der Hund aufs Sofa?" wurden nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand geführt. Auf so einem Boden konnte der Vizsla gedeihen. Auf der Suche nach geeigneten Hunden stießen auch Sportler schnell auf die athletischen Ungarn. Und auch, obwohl sich manche Züchter zuerst zierten, ihre Hunde an Nichtjäger abzugeben, so nahmen andere das angebotene Geld doch gern. Heute werden im VDH, dem Verband für das Deutsche Hundewesen, offiziell im Jahr etwa 270 Welpen geboren, daneben aber gibt es mehrere Dutzend dem VDH nicht angehörende Hobbyzuchten, deren Welpen in der Statistik nicht auftauchen.
Das Leben in der Familie ist die große Stärke des Vizslas. Er ist ein Hund, der es seinen Besitzern leicht macht, mit ihm glücklich zu werden. Und er selbst ist glücklich, wenn er bei ihnen sein darf - je näher, desto besser, am liebsten direkt auf dem Schoß. Und weil Nähe für ihn alles ist, unternimmt er auch im Wald kaum Ausflüge auf eigene Faust. Sein Platz ist eben, wo seine Leute sind, basta!
Ein Magyar Vizsla hat keinen Dickkopf, verträgt sich in der Regel mit jedem und braucht niemanden, der ihn anbrüllt. Im Gegenteil: Wer glaubt, den Magyar Vizsla mit Härte erziehen zu müssen, wird nicht sehr weit kommen. Denn der ist tatsächlich - und das im besten Sinn - ein Weichei. Packt man ihn hart an, verschließt er sich wie eine Muschel. Er will, mehr noch als andere Hunde, begreifen, was er tun soll und warum er es tun soll, und zwar bevor er es tut. Sinnlose Jobs erledigt er schlampig. "Das ist manchmal ein ganz schönes Problem", berichtet eine Hamburger Rettungshundeführerin. Ihr Magyar Vizla weiss immer genau, was gerade läuft. "Im Einsatz ist er voll da. Beim Üben aber hüpft er gern herum und neigt dazu, die ganze Veranstaltung nicht ernst zu nehmen."
Magyar Vizsla im Bildband: "Kubrick the Dog"
Menschen, die mit einem Magyar Vizsla leben, können Geschichten erzählen. Zum Beispiel der britische Modefotograf und Filmemacher Sean Ellis, aus dessen Bildband ("Kubrick the Dog", Schirmer/Mosel, 29,80 Euro) die Fotos zu diesem Rasseporträt stammen. Zwölf Jahre lange lebte er mit seinem Magyar Vizsla namens Kubrick zusammen. Der Hund begleitete ihn ins Studio und auf Reisen, posierte mit Modells wie Kate Moss und Naomi Campell: "Es kommt nicht oft vor, dass ein Hund einem die Show stiehlt, der aber tat es", sagt Modemacherin Stella McCartney über den rotbraunen Rüden.
Der Magyar Vizsla ist ein Familienmitglied: Kurz bevor Kubrick mit zwölf Jahren an Krebs starb, kamen Ellis' Familie, Freunde und Bekannte zusammen, um Abschied zu nehmen. Auf seinem Grab steht ein Kirschbaum: "Er hat auf viele Gesichter sehr viel Lächeln gezaubert", schreibt Sean Ellis später. "Ich vermisse ihn."
Text: Philip Alsen
Zum Steckbrief des Magyar Vizsla
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