Als einer der tapfersten Jagdhunde weltweit gilt der Karelische Bärenhund. Im Grenzgebiet zwischen Finnland und Russland sucht und jagd er selbstständig nach Bären und Elchen.

Karelische Bärenhunde werden offiziell seit 1936 gezüchtet, seither gelten sie als Jagdhunde. Foto: Debra Bardowicks
Die Anzeige auf dem GPS-Gerät zählt langsam. 2678 Meter, 2679, 2680, stopp! Dann läuft sie rückwärts: 2679, 2678 ... Nach zwölf Metern bleibt sie stehen. Konzentriert schaut Auvo auf das Display, das den Standort seiner Hunde anzeigt: "Sie haben gestoppt, Musko ist rückwärts gegangen und steht jetzt wieder, Wilma ist zwei Meter neben ihm und bewegt sich ebenfalls nicht mehr." Warum nicht, rätselt Auvo. Etwa weil vor ihnen ein Bär steht? Mit Fingern, die vor Nervosität zittern, drückt Auvo die Kurzwahl seines Telefons. Im Halsband der Hunde ist ein Mikrofon eingebaut, der Jäger kann es über das Handy abhören: "Bellen, aufgeregtes Jaulen, jetzt springt einer ins Wasser - und jetzt ...", der Jäger entspannt das Gesicht und grinst, "jetzt buddelt er."
Vorbei der Traum vom Bären. "Die Hunde müssen einen Biber gestellt haben", meint Auvo. Nun heißt es warten, bis die entfernten Hunde das Interesse an dem wehrhaften Nager verlieren und weitersuchen. Aber was, wenn sie tatsächlich einen Bären aufstöbern? "Dann werden sie ihm nachsetzen. Sie werden versuchen, ihn zum Stehen zu bringen, und dabei bellen, bellen, bellen", erklärt Auvo. Stundenlang tun sie das, wenn es sein müsste den ganzen Tag. Sollte der Bär sie angreifen, würden sie ihm ausweichen. "Aber niemals", sagt der Jäger, "würden meine Hunde weglaufen."
Tapferer Jagdhund
Wilma und Musko sind Karelische Bärenhunde. "Sie sind wild, lassen sich schwer erziehen und sind unglaublich störrisch. Aber sie sind die tapfersten Jagdhunde, die es gibt. Die Alten erzählen Geschichten, in denen die Hunde den Bären tagelang an einer Stelle gebunden haben." Die Alten, das sind die Karelier. Männer eines Volkes, das sich vor etwa achttausend Jahren in den Wäldern rund um den Ladogasee, den mit 220 Kilometer Länge und durchschnittlich 120 Kilometer Breite größten See Europas im Grenzland zwischen Russland und Finnland, niedergelassen hat. Ein wildromantischer Ort, aber kein Platz, an dem es sich einfach leben lässt. Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt bei nur drei Grad Celsius. Der Sommer ist kurz und heiß, im langen und dunklen Winter sinkt das Thermometer nicht selten auf bis zu minus vierzig Grad. Der russische Zar verbannte hierhin die ihm unbequemen politischen Häftlinge. Stalin wählte die Gegend für den Bau der ersten Gulags, Zwangsarbeits- und Straflager, in denen zur Sowjetzeit bis zu 2,5 Millionen Menschen inhaftiert waren.
Karelischer Bärenhund: Wissen zur Rasse
Karelische Bärenhunde sind Hunde für alles, die Jagd aber ist ihre Passion. Eine Zucht gibt es seit 1936, den Schlag nordischer Hunde jedoch weitaus länger. Sie lebten als Dorf- und Wachhunde, zogen Schlitten, trugen Feuerholz. Auf der Jagd stöberten sie Bären und Elche auf, um diese laut bellend an der Flucht zu hindern, bis die Jäger eintrafen.
Die Jagdhilfe hat ihren Charakter geformt: Sie sind nahezu furchtlos, bei der Erfüllung ihrer Aufgaben hartnäckig und äußerst selbstständig. Bei Herrchen bleiben kann für einen Karelier bedeuten, dass er sich nicht mehr als ein paar hundert Meter entfernt, was das Zusammenleben mit ihm in Städten oder engen Wohngebieten schwer macht. Hundeschulen fruchten kaum, solange der Besitzer sich nicht klar darüber ist, dass sich sein Begleiter frei und ungebunden fühlt. Geduld und Konsequenz sind für die Haltung des Finnen Grundvoraussetzungen.
Von der FCI, dem Weltverband der Rassehundzüchter, werden die Karelischen Bärenhunde unter der Standardnummer 48 geführt und Finnland zugeordnet. Geschichtlich sind sie aber mit russischen, west- und ostsibirischen Laiki verwandt (Standardnummer 304-306) und zumindest vom russischen Laika äußerlich kaum zu unterscheiden.
In Deutschland sieht man sie selten, Jäger setzen Bärenhunde mitunter bei der Schwarzwildjagd ein. In Finnland hat die Rasse auch als Familienhund Freunde gewonnen. Kenner wissen, dass die Hunde Platz brauchen und zwischendurch gern ein paar Tage wegbleiben.
Bei aller Härte ist es auch ein Land voller märchenhafter Geschichten. Ein Land der unendlichen Wälder, wilden Flüsse und verträumten Seen. Die Karelier lebten vom Fischfang und betrieben ein wenig Ackerbau. Außerdem jagten sie.
Ein Hund für alle Fälle, unentbehrlich bei der Jagd
Zu ihren Dörfern gehörten große, kräftige Hunde, die es in äußerlich leicht unterschiedlichen Schlägen damals in ganz Russland gab und die die Russen schlicht Kläffer, auf Russisch "Laiki", von "lajatj", kläffen, nannten. Die Karelier gaben ihnen einen Namen, der weniger leicht auszusprechen ist: Karjalankarhukoira. Es waren Hunde für alle Fälle. Sie bewachten die Dörfer, zogen im Winter den Schlitten und trugen im Sommer Körbe voller Holz. Unentbehrlich waren sie bei der Jagd. Feuerwaffen gab es nicht, und die Chancen, in den endlosen Wäldern einem Elch aufzulauern und dann noch dicht genug für einen Speerwurf heranzukommen, waren gering. Die Hunde halfen. Gemeinsam mit den Jägern verließen sie das Dorf und verschwanden, sobald sie von der Leine gelassen wurden, in den Wald.
In weiten Kreisen stöberten sie durchs Unterholz. Fanden sie Wild, verbellten sie es, bis die Jäger sie eingeholt hatten. Und das konnte dauern: Die Wälder gehören zu den letzten Urwäldern Europas. Kiefern, Fichten und Birken stehen dicht, der Boden ist mit Totholz übersät, alles hier ist von einer dicken Schicht aus Moos und Flechten überwuchert. Voranzukommen ist mühsam, und wer einen falschen Schritt tut, landet in einem der sich überall unter dem Moos entlangschlängelnden Wasserläufe und Gräben.
Hundeführer Auvo kennt sich in diesen Wäldern aus. Das Gebiet, in dem er pirscht, ist strategisch gewählt. Westlich von ihm sind am frühen Morgen fast einhundert Jäger in den Wald gegangen. Sie werden für so viel Störung sorgen, so hofft Auvo, dass die Bären in seine Richtung ziehen. Vorsichtig bewegt er sich in Richtung der Hunde. Es ist totenstill, jedes Knacken eines trockenen Astes kommt einem ohrenbetäubend laut vor.
In den Wäldern nahe des 60. Breitengrades gibt es nur wenig Vögel, dafür Tiere, die woanders nicht mehr leben: Wölfe, Luchse, eine der letzten Vielfraßpopulationen der Welt und natürlich Braunbären. Wie viele es noch sind, weiß niemand genau, Wissenschaftler schätzen den Bestand in Nordskandinavien, Ost- und Südosteuropa sowie im europäischen Teil Russlands auf insgesamt sechstausend Tiere. Etwa tausend von ihnen leben im Osten Finnlands, rund hundert werden jedes Jahr zur Jagd freigegeben. Denn die Population wächst, und aus dem Nationaltier wird mitunter ein Furcht einflößender Schädling. "Tote gab es noch nicht, aber Verletzte", sagt ein Sprecher der Jagdbehörde. In Kaukopää stand im Juni 2009 ein Bär auf der Autobahn, in Lappeenranta wurde vier Wochen später eine Joggerin von einer Bärin angegriffen. Je strenger die Winter, desto häufiger melden Landwirte verschwundene Hofhunde, zerstörte Kornspeicher und Bärenbesuch im Garten.

Wie viele Bären am Ladogasee, dem größten See Europas, leben, weiß niemand. Tausend vermutet man in Finnlands Osten, gut hundert werden jährlich zur Jagd freigegeben - bei der der Karelische Bärenhund hilft. Foto: Debra Bardowicks
Angst, selbst mit einem Bären zusammenzustoßen, hat Auvo nicht: "Ein Bär, der auf Futtersuche in die Stadt zieht, ist gefährlich, hier draußen aber haben Bären mit uns Menschen nicht viel am Hut", sagt er. "Wenn sie können, meiden sie uns. Nur wenn sie verletzt sind, sie an einem Kadaver überrascht werden oder Angst um ihre Jungen haben, kann es gefährlich werden." Allerdings sorgt sich Auvo um seine Hunde. Ein Schlag mit der Pranke könnte den Hund töten. Trainieren aber kann man die Jagd auf Bären nicht, und mit ihnen über die nur etwa dreißig Kilometer entfernte russische Grenze in einen der dort unterhaltenen Bärenparks zu fahren, lehnt er ab. "Dort ketten sie alte Bären an Bäume und lassen die Hunde ran. Das ist Tierquälerei." Auch die Methode, die einige Jäger mitunter praktizieren, Hunde mit einem auf Rollen montierten ausgestopften Bären zu konfrontieren, belächelt er: "Als wüssten die Tiere nicht, dass das nur Theater ist!"
Die Jagd auf Elche ist ebenfalls nicht ungefährlich. Die bis zu 2,50 Meter Schulterhöhe großen Tiere gelten unter Jägern als jähzornig. Haben sie einen schlechten Tag, greifen sie Telegrafenmasten an und attackieren Autos. In Alaska hat ein Bulle in einem Jahr sogar acht Züge angegriffen. Seither fahren dort während der Brunft Lotsenwagen vorweg, um die Elche von den Gleisen zu vertreiben. "Einmal haben wir eine Nachsuche auf einen verletzten Elchbullen gemacht", erzählt der Jäger. Sechs Stunden verfolgten die Hunde das über achthundert Kilo schwere Tier. Als sie es stellen konnten, griff der Bulle an: "Es war Dezember, wurde früh dunkel, ich kam mit den Schneeschuhen nur langsam voran." Über das Halsbandmikrofon konnte Auvo hören, wie der Bulle versuchte, die Tiere mit Tritten zu töten. "Es klang wie Krieg. Der Elch brüllte, die Hunde bellten, manchmal jaulte einer. Aber nach einer Stunde hatten die Hunde ihn noch an derselben Stelle."
Andere waren da weniger erfolgreich. Stichwort Bruno. Im Mai 2006 tauchte der aus Italien nach Österreich gewanderte Braunbär das erste Mal in Vorarlberg auf und riss zwei Schafe. Sechs Tage später erklärte der bayerische Umweltminister, Bruno sei der erste Einwandererbär seit über 170 Jahren und in Deutschland willkommen. Doch die Freude unter Naturschützern und Tierfreunden verstummte schnell. Nach dem Angriff auf ein Dutzend Schafe, ein paar Hühner, Kaninchen und einen Bienenstock wurde Bruno zum "Problembären". Finnische Jäger wurden mit ihren Hunden eingeflogen, doch statt frei suchen zu können, mussten Peni, Jeppe, Raiku, Jimmy und Atte im engen Deutschland an die Leine. Einmal kamen sie Bruno zwar nahe, nach zwei Wochen und fünfhundert Kilometern im Gebirge gaben die Männer auf. Bruno wurde kurz darauf von einem bis heute unbekannten Jäger erschossen.
Am späteren Nachmittag bläst Auvo die Jagd ab. Jeder in der Region erlegte Bär muss der Jagdbehörde gemeldet werden, die gibt die aktuelle Zahl über eine Bandansage weiter: "Die Quote ist erfüllt, wir hören auf." Ist Auvo ärgerlich, dass er keinen Bären erlegt hat? "Nein", sagt er, "wir jagen, weil wir müssen, nicht um eine Trophäe zu haben." Zwei Dinge bleiben ihm nun noch: seine Hunde einsammeln und herausfinden, wer den letzten Bären geschossen hat. Ein Züchter aus der Gegend hat Welpen. Die jungen Bärenhunde am Bären schnuppern zu lassen, soll sie prägen. "Die meisten Junghunde weichen vor der Raubtierwitterung zurück, aber wenn ich einen ohne Angst finde, jagen wir nächstes Jahr zu viert."
Text: Philip Alsen
Alle Hunderassen im Überblick