
Schmaler Kopf, rechteckiger Körper, harsches Fell: Der Irish Terrier zählt zu den ältesten Hunderassen und hat viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt
Wir wollten keinen Rassehund. Wir wollten einen Bastard, einen Mischling, weil die am nettesten und am gesündesten sind. Leicht zu wünschen, aber schwer zu finden. Also kauften wir ein Hundebuch, lasen Porträts, blätterten Bilder vor und zurück und blieben immer wieder am selben Foto hängen: ein drahtiger Kerl, der dreist aus dem Bild schaut, der Bart von Schnee oder Sand verklebt - typisch Irish Terrier.
Er war uns schon vorher aufgefallen. Ab und zu hatten wir auf der Straße einen kniehohen Hund mit rotem Fell bemerkt, der etwas von Straßenköter und Rassetier zugleich an sich hatte. Vom Züchterverband ließen wir uns Adressen geben, fuhren an den Wochenenden los, trafen auf Hundelager zwischen gebrauchten Reifen und Waschmaschinen und fürchteten bald: Hunde züchten ist eine Beschäftigung für Menschen am Rand der Gesellschaft. Die letzte Adresse auf der Liste führte uns zu einem Bauernhaus. Auf unser Klingeln stürmte eine Meute von fünf Hunden herbei, die Züchterin musterte unser Verhalten, bot uns Tee aus einem silbernen Erbstück an und fragte uns aus, während ihre Hunde um uns herum auf Sofas und Sesseln lungerten. Sie hatte keine Welpen, nicht für uns, nicht sofort. Beim Abschied sagte sie, wenn wir warten, werde sie uns beim nächsten Wurf gern Bescheid geben.
Rebellische Vergangenheit
Inzwischen kennen wir Margherita Hospowsky seit 15 Jahren. Die Teekanne ist geblieben. Alle Polstermöbel hat sie in dieser Zeit fünfmal ausgewechselt. Ihre Meute ist in der Zwischenzeit auf neun Hunde gewachsen und nie unter sieben gesunken. Drei Irish-Terrier-Rüden haben wir von ihr bekommen, Prachtburschen. Sie hat uns zugeraten: "Rüden bemühen sich um einen, Hündinnen sind zickig, wenn die sich prügeln, gibt es keine Grenzen." Und sie warnte uns: "Iren sind keine praktischen oder bequemen Hunde", nur ein Hauch Zivilisation sei an ihnen hängen geblieben, diesen Teufeln zum Küssen, in denen immer noch die rebellische Vergangenheit ihrer Vorfahren stecke. In einem alten Buch fanden wir die Legende von dem Vorfahren des Irish Terriers.
Frühmorgens folgte er dem Herrn zum Wildern in den Wald, hütete vormittags die Schafe, passte nachmittags auf die Kinder auf und stürzte sich abends in der Kneipe auf einen anderen Terrier, während sein Besitzer mit den Kneipengästen Wetten auf den Gewinner abschloss. Margherita Hospowsky will ursprüngliche Hunde, keine Softies und schon gar keine Showhunde heranziehen. Schmale Köpfe fordert der Standard. "Sind sie zu schmal, leidet das Gebiss." Gerade Rücken werden gewünscht, vom Hals bis zur Rute. "Wenn sie zu gerade sind, kommen die Hunde mit den Hinterläufen nicht mehr unter den Körperschwerpunkt. Die Bewegungen werden hölzern. Besser ist eine schwach gewölbte Lendenpartie bei hohem Rutenansatz." Züchten heißt interpretieren.
Finnigan und Buck
Finnigan wurde unser erster Hund. Wir werden nie einen schöneren haben. Er hatte rotes Fell und eine Figur wie Johnny Depp als Captain Jack Sparrow: dunkle Ohren, schwarz umrahmte Augen und schwarze Haare am Kinn. Er liebte das Chaos. Weihnachten, wenn Papier und Band von den Geschenken gerissen wurde, saß er mittendrin und grinste. Er war stur wie ein Esel, wenn wir im Wald einen Weg einschlugen, den er nicht entlanggehen wollte. Wir lernten, uns nach ihm zu richten. Im Haus und im Garten tat er dafür, was wir wünschten. Er lag nur auf seinem eigenen Sessel, am entspanntesten wie ein umgedrehter Tisch mit allen vier Beinen in die Höhe gestreckt. Er rannte nie durch Beete, sondern benutzte die Wege zwischen den Buchskanten. Finnigan wurde nur fünf Jahre alt. Er starb an Milzkrebs.
Es war der heiße Sommer '93. Hundstage. Finn lag matt auf den kühlen Fliesen im Haus. Zu Spaziergängen hatte er keine Lust. Die Hitze, dachten wir. Erst als er anfing, Sand aufzulecken, sind wir zum Tierarzt gegangen. Sein Blut war schon hellrot. Gelebt hat er nur noch für uns und durch eisernen Terrierwillen. Wir haben Finn einschläfern lassen. Er vertraute uns, bis zum Schluss. Beim Einstich der Beruhigungsspritze war er tot. Wir haben Finn in ein Tuch gehüllt und im Garten begraben, gut einen Meter tief, wie vorgeschrieben, und zu Füßen eines jungen Cornus kousa.
Buck verzog sich jeden Abend um sechs Uhr unter den Küchentisch und biss nach jedem, der sich ihm näherte. Er war uns nach Finnigans Tod als verstörter Halbstarker vermittelt worden, dem die konsequente Hand fehlt. Buck hatte weizenblonde Locken und einen Brustkorb wie ein Boxer. Ein Rüde zum Verlieben. Aber sein Frauchen hatte Angst vor ihm, seitdem er ins Rüpelalter gekommen war. Tagsüber notierte sie, was er verbrach. Abends erzog ihr Mann Buck, strafte die Sünden vom Tag mit ab. Wir haben Buck fünf Wochen behalten. Unsere Töchter waren damals acht und zehn, wir wagten nie, sie mit dem Hund allein lassen, und gaben ihn zurück. Er kam zum nächsten Menschen. Der schaffte es auch nicht. Buck, der Angstbeißer, hatte keine Chance. Im Tierheim wurde er eingeschläfert.
Nick und Olle
Im Abstand von drei Monaten holten wir Nick und Olle zu uns, Rüden aus aufeinander folgenden Würfen. Wenn wir zwei nehmen, spekulierten wir, dann ist keiner allein und sie kläffen den Fahrradfahrern nicht hinterher. Jetzt sind sie die allerbesten Freunde und kläffen noch mal so laut. Zwei Rüden, zwei Kinder: Beide werden zur gleichen Zeit gestreichelt, bekommen zur gleichen Zeit als Extraknabberei trockenes Brot. "Das macht nicht fett und ist gut für die Verdauung", den Tipp gab uns die Tierärztin.
Aber gleiche Behandlung macht Hunde nicht gleich. Olle mit langem Körper, langer Nase und einem Hang zur Melancholie ist Denker, Philosoph und Fatalist. Er kommuniziert durch Gesten. Aus der Ecke starren heißt: Futter her. Die Tür anstarren heißt: raus lassen. Dem Menschen Pfote auflegen und intensiv anstarren: streicheln, jetzt. Nick dagegen ist der stets Bemühte, der Tapfere, der sich keine Gelegenheit für Mundraub entgehen und die einkalkulierte Schelte wie einen Windstoß über sich ergehen lässt. "Geht's mit den beiden Rüden gut?", fragte bei jedem Telefongespräch in den ersten drei Jahren unsere Züchterin. Es ging immer gut. Als Nick und Olle ins Halbstarkenalter kamen und ausprobierten, wer das Sagen hat, setzte es mal Backenstreiche. "Hauptsache", so Margherita, "die Reaktion kommt unmittelbar und schnell." Die beiden haben verstanden: "Rudelführer ist Herrchen, dann kommen die anderen Menschen, dann wir."
Testlauf für ihr Vertrauen ist das Trimmen. Es gibt kaum Hundesalons, die das übernehmen, denn Irish Terrier werden gerupft, mit den Fingern Büschel für Büschel wie ein Huhn. Das kann zum Zweikampf werden, wenn das Fell fest sitzt und der Hund nicht will. Es kann eine Schmusestunde sein, wenn die Haare leicht auszuzupfen sind. Wir kennen beide Versionen. Nick wurde anfangs hysterisch, wenn es ans Rupfen ging, er hechelte, zitterte: Sein lockiges Oberfell sitzt so fest, dass es fast ausgerissen werden muss. Da getrimmt werden muss, hilft nur konzentriertes, schnelles Arbeiten. Je öfter Nick das erlebte, desto leichter ging es.
Olle legt sich hin, als ginge es um eine ausgedehnte Massage. "Er hat ideales Fell", sagt Margherita Hospowsky, dicht, drahtig-harsch, mit fester Unterwolle. Die Haare lassen sich so leicht ausziehen wie Fäden aus lockerem Gewebe. Die Züchterin zeigt jedem frisch gebackenen Hundebesitzer, wie getrimmt wird, wenn der kleine Ire sechs, sieben Monate alt ist. Danach wird die Prozedur alle halbe Jahr fällig.
Nick und Olle sind inzwischen neun Jahre alt und können gut vierzehn werden. Sie lieben Autofahrten und sind absolut gartentauglich. Oder ist der Garten hundetauglich? Kostbare Pflanzen auf ihren Sprintstrecken schützen wir mit niedrigen Zäunen. Auf einer Seite, das reicht schon. Die beiden ahnen, wie es gemeint ist.
Steckbrief des Irish Terrier
Alle Hunderassen im Überblick