

Golden Retriever: Gold für die Arbeitstiere
Dabei haben sie so viel mehr zu bieten als einen gutmütigen Charakter und ein freundliches Äußeres. Wer den Golden Retriever bei der Wasserjagd, dem Zweck, für den er einstmals gezüchtet wurde, erlebt, kann nicht anders, als ihn zu bewundern: Ruhig und gelassen, den Kopf erhoben, sitzt er neben dem Schützen und beobachtet den Himmel. Kommen Enten, sieht er sie in der Regel früher als die Jäger, wird eine geschossen, merkt er sich, wohin sie gefallen ist. "Sie können dabei nicht nur eine, sondern gleich mehrere Stellen behalten", erklärt Marion Kuhnt.
Die im Nuthetal bei Potsdam lebende Hundesportlerin ist über ihre zwei Golden Retriever zur Jagd gekommen. Ist das Treiben vorbei, schlägt deren Stunde. Auf einen kurzen Befehl hin springen die Hunde ins Wasser, sammeln die auf der Oberfläche treibenden Vögel ein und durchstöbern den dichten Schilfgürtel. "Und weil sie sich vorher schon gemerkt haben, wo ungefähr sie suchen müssen, geht ihnen auch keine Ente verloren." Dieses Markieren ist eine besondere Fähigkeit des Golden Retriever und ein Rassemerkmal. Sich die Fallstellen von ein oder zwei Enten zu merken, das schafft vielleicht auch ein Deutsch Drahthaar, ein Magyar Vizsla oder irgendein anderer Jagdhund, sich an mehrere zu erinnern und die zuverlässig abzuarbeiten, das ist typisch Golden Retriever.
Mit heruntergeklappter Kinnlade aber staunt, wer sieht, was sie im Dummysport leisten. Dummyarbeit ist ein von Jägern entwickeltes Trockentraining, bei dem die Hunde statt Wild sandgefüllte Segeltuchsäckchen holen mussten. Begeisterte Retrieverbesitzer haben daraus einen Sport mit nationalen und internationalen Wettkämpfen gemacht. Regelmäßig treffen sie sich zu Working-Tests in diversen Leistungsklassen, auf denen die Hunde ihre Fähigkeiten in nachgestellten Jagdsituationen zeigen dürfen.
Höhepunkt vieler Übungen ist das Einweisen, ein anderes Rassemerkmal. Die Hunde werden auf schnurgerader Linie über teilweise mehrere hundert Meter geschickt. Auf einen Pfiff ihres Führers stoppen sie und beginnen zu suchen, wobei sie sich mit Triller- und Pfeifgeräuschen lenken lassen - und das schaffen andere Jagdhunde niemals! Meist starten bei diesen Wettbewerben Labradore, aber auch Golden Retriever brauchen sich nicht zu verstecken: "Im Vergleich mit den mitunter recht nervösen Labbis wirken sie zwar ein wenig behäbiger, sie halten in der Regel aber mehr Kontakt zum Führer und arbeiten genauer", sagt Rassekennerin Marion Kuhnt.
Ähnliches sagen die Hundeführer, die mit ihrem Golden Retriever bei Rettungshundestaffeln trainieren. "Wobei es einen großen Unterschied zwischen Hunden aus der Show- und der Arbeitslinie gibt", so Susanne Kohn von der Rettungshundestaffel Münsterland e. V. Sie führt zwei der blonden Schönheiten, Wotan, einen achtjährigen, sensiblen und durchaus gemütlichen Rüden aus einer reinen Showlinie, und Luke, den mitunter ungestümen Draufgänger einer Arbeitslinie. Für ihn ist kein Gestrüpp zu dicht, kein Wasser zu weit, kein Wetter zu nass, zu kalt oder zu heiß: "Er ist, was mich und meine Familie betrifft, schon sehr sensibel. Wenn wir aber einen Einsatz haben, dann ist er mit so viel Feuereifer dabei, dass andere Hunde kaum mithalten können, und manchmal muss ich auch laut werden."

Klar die Nase vorn haben die Golden Retriever bei der Arbeit in Sozialberufen wie Blinden-, Therapie- oder Assistenzhunde: "Sie sind zwar nicht intelligenter als Labradore", sagt Simone Beckert vom Verein Vita e.V., "sie haben aber zwei ganz entscheidende Vorteile."
Die von Vita ausgebildeten Hunde helfen vor allem Rollstuhlfahrern. Sie öffnen und schließen für sie Türen, betätigen Lichtschalter, heben auf den Boden gefallene Schlüssel auf oder bringen klingelnde Telefone. "Labbis sind großartige Hunde, Kinder und ängstliche Erwachsene aber fassen fast immer schneller zum Golden Retriever Vertrauen." Und das nicht nur wegen seines Aussehens, sondern wegen eines kleinen Kunststücks, das Labradore nur schwer lernen: ein Leckerli aus der Hand zu nehmen, ohne die Finger zu berühren.
Golden Retriever: Gesundheit auf Abwegen
Der Golden Retriever ist der Liebling der Hundewelt. Kein Modehund, eher schon ein Klassiker. Doch so viel Beliebtheit hat auch Schattenseiten. Rund 2400 Welpen kommen jährlich bei den Züchtern, die dem Verband für das Deutsche Hundewesen angeschlossen sind, zur Welt, ein Vielfaches wird in Hinterhöfen, Scheunen und in Privatwohnungen schwarz gezüchtet oder aus dem Ausland importiert. Die dort vermehrten Tiere haben keine Augenuntersuchung bekommen, niemand weiß, ob ihre Hüften in Ordnung sind. Manche, die auf der Suche nach einem neuen Hund sind, denken vielleicht, was soll's? Ein Welpe aus Tschechien kostet nun mal keine 200 Euro, in Deutschland kann er für ein Vielfaches verkauft werden. Das ist nun wirklich - der Goldie-Effekt macht's möglich - schnell verdientes Geld.
Die Beliebtheit hat manche Hunde dieser Rasse krank gemacht. Hüft- und Ellenbogengelenksdysplasie, grauer Star und Netzhautschwund sind die häufigsten Erbkrankheiten, nicht selten wird Epilepsie diagnostiziert. Und es sind nicht nur körperliche Schäden, auch die Anlagen des Golden Retriever gehen verloren. Verhalten ist vererbbar, Genetik aber kein starres System. Artspezifische Merkmale - Hunde gibt es seit über 10 000 Jahren - werden sehr sicher vererbt, Rasseeigenschaften - die meisten Rassen sind kaum hundert Jahre alt - hingegen gehen schnell verloren, wenn Züchter keinen Wert mehr darauf legen.
Es gibt deshalb auch Golden Retriever, die sich lieber auf dem Sofa fläzen, als ins kalte Wasser zu springen, und die kaum Lust haben, einem Stöckchen nachzulaufen, nach dem Motto: "Apportieren? Was ist das denn?" Für engagierte Züchter ist die Beliebtheit der Rasse daher Segen und auch Fluch. Denn einen Hund, den jeder mag, will oft auch jeder haben.
"Bei mir haben Leute angerufen, die ganz erstaunt waren, dass man einen Hund mit sechs Monaten noch nicht neben dem Fahrrad herlaufen lassen kann", sagt Bettina Krist. Die Züchterin aus Leipzig hat sich deshalb ein aufwendiges Bewerbungsprozedere ausgedacht: erstes Kennenlernen, noch bevor die Welpen auf der Welt sind, lange Interviews führen über Erfahrung, Unterbringung, Ambitionen und Einstellung des künftigen Besitzers, regelmäßige Besuche bei den Welpen vor Abgabe empfehlen. "Das nervt einige Interessenten, aber ich möchte verhindern, dass meine Hunde irgendwo hinkommen, wo sie nicht gefordert und gefördert werden." Denn obwohl sie unendlich freundlich, gutmütig und geduldig sind: "Auch ein Golden Retriever kann in den falschen Händen ein hundsgemeiner Beißer werden", weiß Bettina Krist.
Egal wohin man schaut, nach Deutschland, Spanien, Frankreich oder in die USA, Golden Retriever sind über alle Hitlisten hinweg schlicht die beliebtesten Hunde der Welt. Lord Tweedmouth hat die Anerkennung seiner Idealrasse nicht mehr erlebt, er starb 1894 mit 71 Jahren. In seinen Zuchtaufzeichnungen, die man erst 1952 entdeckte, hatte er notiert: "Ich wollte die perfekte Rasse, ich glaube, es ist mir gelungen!"
Text: Philip Alsen