Es gibt, grob geschätzt, weltweit an die zwanzig Bulldog-Rassen. Nur zwei davon erkennt der VDH an: stattliche Englische und die zarteren Französischen Bulldoggen - auf Letztere trifft man neuerdings öfter.

Eine gelassene Lebenseinstellung charakterisiert das Wesen der Französischen Bulldogge.
Grace hat Ohren wie eine Fledermaus. Augen wie ein Troll. Ihre schwarze Nase erinnert an Lakritze und ihre Brust ist kräftig wie die eines Löwen. Die Muskeln ihrer Schenkel sind durchtrainiert wie bei einem Marathonsportler. Sie läuft mit einem Trabergang, als ob sie ein Packesel wäre. Sie ist einer der fidelsten Hunde, die ich kenne. Ein Kraftpaket und Sonnenschein.
Grace ist eine schöne Französische Bulldogge. Schön, obwohl kein Ringrichter sie heute mit Siegerlorbeeren bekränzen würde. Dem wären ihre Beine einen Tick zu lang, außerdem leidet sie an einer Immunschwäche. Der Züchter hatte darauf hingewiesen, "Arztkosten werden entstehen". Doch Grace scheint beweisen zu wollen, wie alltagstauglich ihre Rasse ist. Viel krank war sie in ihren fünf Lebensjahren bisher nicht. In ihr steckt etwas von dem, wovon die Lastenträger, Tagelöhner, Kutschen-fahrer und Metzger in den Pariser Vororten, in den Markthallen und in La Villette zehrten, in deren Wohnstuben die Rasse entstanden ist: der schier unbändige Wille, dem Leben ein Schnippchen zu schlagen.
Frenchies stammen von den Bulldoggen ab, so wie sie seit dem 17. Jahrhundert in England vorkamen. In den ersten, von 1835 an organisierten und in London abgehaltenen Shows gab es Extraklassen für Zwergbulldoggen. Anfangs wurden viele der kleinen Hunde gezeigt, doch gegen 1870 verschwand das Interesse an ihnen, die Klassen für Leichtgewichte lösten sich auf. Zeitgleich mehrte sich in Frankreich die Zahl der Bouledogues: Englische Arbeiter, Spitzenklöppler aus Nottingham und East London, die auf der Suche nach Arbeit ausgewandert waren, hatten sie mitgenommen. Sie waren klein genug für die beengten Wohnräume, genügsam und mutig, Proletarier wie ihre Besitzer und Kumpel im Taschenformat. In den Straßen von Paris trafen die Bouledogues auf Spitze, Möpse und Terrier. Sie paarten, kreuzten und vermischten sich nach Herzenslust. Der Mops gab die Augen, der Spitz das Kecke. Die Terrier steuerten ihre Gelenkigkeit bei, so die Legende. Genaueres weiß niemand.
Es dauerte keine dreißig Jahre und die neue Rasse hatte sich gebildet. Künstler entdeckten das mimische Talent der kleinen Hunde. Henri de Toulouse-Lautrec porträtierte sie in mehreren seiner Bilder des Pariser Nachtlebens. Die Schriftstellerin Colette war nie ohne einen ihrer "schwarzen Engel, vierschrötigen Kröten mit Stirn eines Denkers und der Schnauze eines rührseligen Lustmörders", zu sehen. Amerikanische Paris-Besucher verloren ihr Herz an die Frog-dogs mit dem künstlerischen Flair und nahmen sie mit auf die lange Schiffsrückreise in die USA. Die "Wurst auf vier Beinen", wie Colette sie nannte, wurde so populär, dass man sie auch in das Land ihrer Vorfahren, damals die Hochburg der Hundezucht, nach England, zurückbrachte.
Wo sie Spott oder, schlimmer noch, eine Art patriotischer Verstimmung auslösten. Man hielt das Tier mit den enormen löffelartigen Ohren für eine gezielte Beleidigung, eine Geste der Rache, mit der man es dem "perfiden Albion", dem während der Glanzzeiten des Commonwealth außenpolitisch oft als hinterhältig empfundenen England, heimzahlte. Diese Tiere mit den Zügen eines "Schipperkes", eines Mini-Schäferhunds, sollten Bulldoggen sein?
Wenn klein wichtig sein sollte, gab es auf der Insel weitaus bessere, so schrieb es Rawdon B. Lee, ein britischer Hundehistoriker, im Jahr 1894. Damit meinte er Zwergbulldoggen ohne die heute so typischen Fledermausohren. Für ihn und Gleichgesinnte war der französische Rückimport nicht mehr als eine Karikatur.
Die Ressentiments verstummten, als sich die unterhaltsame Witzfigur die Hocharistokratie eroberte. Edward VII., König von 1901 bis 1910, ein Hundenarr wie auf der Insel standesgemäß, ließ sich mit Peter fotografieren, einem dunklen Bully, der rund um den Hals einen weißen Streifen im Fell hatte, sodass es wie ein Kragen aussah. Und da Edward so etwas wie der Onkel des europäischen Hochadels war, verschwippt und verschwägert mit vielen, wurden die Frenchies zu Maskottchen der High Society. "Kein Hund ist so vornehm und schick wie eine Französische Bulldogge", schrieb Prinz Felix Felixowitsch Jussupow, ein Verwandter der Zarenfamilie, bekannt als Mörder des Wunderheilers Rasputin. Nie wollte er ohne eine sein. Die Sache mit dem richtigen Aussehen war unterdessen in Übersee entschieden worden. Ein Streit über Ohren führte 1897 zur Gründung des French Bulldog Club of America. Ein Richter auf der Westminster Kennel Show in New York hatte einem Hund mit den für Bulldoggen charakteristischen kleinen Rosenohren den ersten Preis zuerkannt. Ein Missgriff für Frenchie-Verehrer. Für sie gehörten zum Gesicht des fröhlichen Mimen die großen Halbschalenohren, zart wie Muscheln aus Perlmutt, außen mit Samt besetzt. Im New Yorker Hotel Waldorf Astoria wurde 1898 auf Flauschteppichen die erste Show des neuen Vereins abgehalten, unterstützt von den Vanderbilts, den Roosevelts und ihren Freunden. Im Standard festgeschrieben standen "bat ears", Fledermausohren.
Portrait Teil 2: Französische Bulldogge
Alle Hunderassen im Überblick