
Als prägendes Merkmal des Boxers gilt die leicht aufgestülpte Nase. Der Unterkiefer ist nach oben gebogen, die Nase zurück versetzt.
Einer boxt sich durch
Hamburg: Sebastian Beyer spielt mit Benita. Die sechsjährige Boxerhündin ist der Augenstern des jungen Züchters, seine "sechs Richtigen im Lotto". Er war beim Deckakt seiner späteren Benita dabei und 2003 bei ihrer Geburt. 2004 schleppte er sie so oft zu Ausstellungen, dass sie zu einem der meistgezeigten Junghunde des Jahres und Vize-Jahresjugendsiegerin wurde. 2005 setzte sich die Karriere fort: Zweimal wurde Benita Schönste der Schau, einmal Beste der Zucht. Dann erkrankte sie: Rückenmarksinfarkt.
"Es war ein Sturz", sagt Sebastian Beyer, "von ganz oben nach ganz unten." Der 24-Jährige ist Boxer-Fan, seit er dreizehn Jahre alt war, und zurzeit kommissarischer Landesgruppenzuchtwart, einer der jüngsten Deutschlands. Von Anfang an hat er Kurse zur Hundeausbildung belegt und ist im Hundesport aktiv. Er habe Glück gehabt, sagt er, dass er früh eine gute Ausbilderin kennenlernte, dass es in seiner Ortsgruppe in Norderstedt, vor den Toren Hamburgs, einen guten Figuranten gebe, einen Helfer für die Vielseitigkeitsausbildung. Nicht viele Boxer-Ortsgruppen haben das. So hat er bald gemerkt, welche Energie in der Rasse steckt. Und wie viel Hingabe möglich ist: "Einmal Boxer, immer Boxer."
Auch mein Hundeheld war, als ich fünfzehn war, ein Boxer. Eine Hündin, sie hieß Anka und gehörte der Familie, auf deren kleine Tochter ich zweimal pro Woche aufpasste. Anka war eine Seele. Warm und glatt und rehbraun, was in der Boxersprache gelb heißt. Die Anka aus meiner Erinnerung hatte einen markanten Schädel, runde schwarze Strahleaugen, eine Stirn, die sie über dem Nasenrücken in Falten warf, wenn sie sich konzentrierte, eine schwarze, breite Samtschnauze, weich wie ein Pferdemaul. Sie sabberte etwas - das nahm man, von Liebe getrieben, unerschütterlich hin.
Kein Sabbern mehr
Heute sabbern Boxer nicht mehr. Es gibt keine offenen Maultaschen mehr, die oberen und unteren Lefzen schließen. Dafür scheinen die Schädel verkürzt und rund geworden zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass die Ohren nicht mehr spitz nach oben stehen, sondern an den Backen herunterhängen. Doch auch der Fang, Schnauze und Nase, haben sich verändert. Erscheinen sie nur Laien befremdlich? Oder ist das die normale Entwicklung, die jede Rasse durchmacht?
Der Name Boxer tauchte in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf, und keine Theorie kann den Ursprung so recht erklären. Er sei auf das seltsame Kampf- und Spielverhalten der Hunde zurückzuführen, die auf den Hinterläufen stehend mit den Vorderbeinen boxen, besagt eine. Eine andere erklärt, der Name leite sich von dem bayrischen Wort für kurze Lederhosen ab, den sogenannten Buchsen, Buxn oder Boxl.
Abstammung von Kampfhunden
Gesichert hingegen ist die Abstammung des Boxers aus der Linie molosserartiger, kräftiger, gedrungener Kampfhunde, sogenannten Bären- und Bullenbeißern. Seit dem Mittelalter arbeiteten sie neben den Hetzhunden als Packer: Sie hielten die Beute fest, bis der Jäger kam. Später halfen sie den Metzgern der Schlachthöfe, das Großvieh in Schach zu halten.
Vorfahren des Boxers sind der Brabanter Bullenbeißer, eine in Belgien selektierte kleine, schnelle Variante, und die Englische Bulldogge. Im Ersten Weltkrieg avancierten Boxer zu beliebten Boten-, Last-, Schutz-, und Angriffshunden, wurden 1924 in die Gruppe der Gebrauchshunde aufgenommen und auch im Zweiten Weltkrieg eingesetzt.
Der Boxer als Familienhund
Die Karriere zum populären Familienhund begann nach Ende des Krieges. Soldaten brachten das Hunde-Maskottchen mit nach Hause. Die Liebenswürdigkeit seines Charakters, die Anhänglichkeit verschafften ihm schnell Freunde. 1999 stand der Deutsche Boxer auf Rang 5 der Favoritenskala des Verbands für das Deutsche Hundewesen. Zehn Jahre später war es immer noch Rang 8, auch wenn erst das Kupier-Verbot für Ohren (1987), dann für die Rute (1998), schließlich die Kampfhund-Hysterie die Sicht auf diesen Hund immer wieder problematisierten und Stimmen, die eine Veränderung der Rasse beklagen, lauter wurden.
Vor drei Jahren begann beispielsweise das österreichische Hundemagazin "Wuff" eine Artikelreihe über die "Veränderung der Rassehundzucht" mit einem Text über den Boxer. Von dem einst vor Kraft strotzenden, stämmigen Vierbeiner sei, so klagte der Autor Gerald Pötz, nur ein "zartes Rehlein" übrig geblieben, das immer kurzlebiger und im Hundesport und Diensthundbereich "out" sei. Die Schnauze sei bei vielen Linien fast weggezüchtet, der Rücken abfallend, die Taille zerbrechlich. Wie "ein Geodreieck" stehe er auf den Schauen. Das Ergebnis seiner Zucht sei die "Karikatur seiner Rasse".
Kraftvoller Blick, treues Wesen
Celle, Niedersachsen: Richterin Inge Gerwin steht im Ring der Zuchtschau. Ein Mann im grünen T-Shirt präsentiert seine gelb gestromte Hündin. Sie ist nicht recht bei der Sache. Aber sie soll sich in Positur werfen, kühn dastehen, "Adel und Eleganz" demonstrieren. Darum quietscht Frauchen jenseits des Rings mit einem Spielzeug. Andere werfen, sobald ihr Liebling an der Reihe ist, Bälle in die Luft, knistern mit Leckerlitüten. Bei kaum einem der Hunde fruchtet dieses "Double-handling" genannte Theater. Die Richterin übersieht es geflissentlich. Ihre Beurteilung ist präzise: Das Gebäude hat gute Ober- und Unterlinie, es ist substanzvoll und quadratisch. Der Fang breit angesetzt mit guter Fülle, die Vorbrust schön, das Laufen sehr kontrolliert.
Die Kopfform des Boxers
Inge Gerwin war Jahrzehnte Zuchtleiterin des Boxer-Klubs. Sie gilt als strenge Richterin. Für sie ist der Typ wichtig, und der zeigt sich am Kopf. "Der Boxerkopf ist ein Kunstprodukt", sagt sie. Typprägendes Merkmal ist der Stulp, die etwas höher gelegte Nasenspitze. Wird die Nase zu gerade, entwickelt sich die Schädelform zurück zum Kanidenkopf. Weil das nicht sein soll, "brauchen wir eher das Übertypische". Erzeugt eine so forcierte Forderung bestimmter Schönheitsmerkmale keine Probleme? Alles sei im Rahmen des Standards, wehrt Inge Gerwin ab, und was schön und standardmäßig gebaut ist, ist auch leistungsstark.
Zschepkau, Sachsen-Anhalt: Roland Bebber schwört auf Familienzucht. So nennt man eine Zucht, bei der "ein- bis zweimal" engste Verwandte verpaart werden. Das Ziel ist, einen Hund zu züchten, der einem starken Ahnen gleicht. "Damit kann man den Typ stabilisieren", erklärt der Richter internationaler Zuchtwettbewerbe. Mit dieser Fremdanpaarung macht er "die Genetik dann wieder mobil". In Bebbers Zwinger "Von der Akazienbrücke" sind Multichampions entstanden. Die Stammbäume der großen europäischen Boxer-Linien hat er im Kopf wie ein Informatiker die Zahlenketten seiner Software. Er schwärmt von Mirco vom Turmblick, Plato van de Hazenberg und Perico du Val d'Europe, den Trägern des Rassespektrums in Europa der letzten 25 Jahre.
Hochburgen der Boxerzucht in Spanien, Italien, Portugal
Bedauerlicher Umstand: In Deutschland, dem standardgebenden Land, steht seit langem keiner der großen Rüden. Spanien, Italien, auch Portugal sind heute die Hochburgen der Boxerzucht. In Spanien, erzählt Bebber, habe er beobachtet, wie sich innerhalb von drei Jahren die Rasse in die Superlative veränderte. Besitzer großer Zwinger haben alle acht namhaften Titelträger in Europa gekauft. Es gibt keine Beschränkung der Deckakte, und die sogenannten "Popular Sires" werden schrankenlos eingesetzt.
Gut für den Genpool? Nein, sagt Bebber. Er erinnert sich, dass vor zehn Jahren Boxer in Sachsen-Anhalt noch im Polizeidienst geführt wurden. Heute keiner mehr. Hüfte und Herz habe man zwar durch Kontrollen in den Griff bekommen. Die Spondylose aber, die Rückenversteifung, sei ein Problem. "In den Polizeidienst kommen nur hundert Prozent gesunde Hunde." Für Roland Bebber ein Verlust: Gerade seine Ortsgruppe ist im Hundesport sehr aktiv - und sein Ferres von der Akazienbrücke Teilnehmer an den Weltmeisterschaften für Gebrauchshunde, ein Beweis, dass die Boxer es in sich haben.
Hamburg: Wochenlang lebt Benita, die an einem Rückenmarksinfarkt erkrankte Hündin, in einer engen Box, damit sie sich nicht unnötig bewegt. Sebastian Beyer fährt mit ihr zu einer Physiotherapeutin. Sie bekommt Elektrobehandlungen, Wasser- und Bewegungstherapien. Nach fünf Monaten Geduld zeigen sich beim Kitzeln an der gelähmten linken Hinterhand kleinste Bewegungen. Heute sieht nur, wer darauf achtet, die leicht nachgezogene Hinterhand. War es die gefürchtete Spondylose? Nein, sagt Sebastian Beyer, "Benita ist absolut frei davon". Die Krankheit seines Augensterns hat ihm trotzdem zu denken gegeben. Er verpaart die wieder gesunde Hündin Benita mit einem Rüden aus einer Zuchtlinie, die weit von der ihren entfernt ist. Das Ergebnis heißt Emma-Tiger. Sie ist eine Hündin mit Instinkten, die an den Grund-Boxer erinnern, den mancher schon verschwunden wähnte. Sebastian Beyers Mutter Anne trainiert mit ihr jetzt für die Vielseitigkeitsprüfung.