

Das von der mörderischen Cruella begehrte Fell macht die Hunde schon für mittelalterliche Buchillustratoren zum Motiv. Sie malen der heiligen Maria einen schwarzbunten Himmelshund als Begleiter in manches Bild. Vielleicht, weil sein Fell dem schwarz getupften Hermelinbesatz gleicht, der die Kleidung klerikaler Würdenträger schmückt. Auch auf Wandgemälden altägyptischer Pharaonengräber findet man Abbildungen eines dalmatinerähnlichen Hundes. Aus welcher Gegend der Welt er stammt, weiß man jedoch nicht. Der Name verweist auf Dalmatien, eine Region an der südöstlichen Adriaküste im heutigen Kroation. Dort werden in den Balkankriegen 1912 und 1913 sogenannte Dalmatiner als Meldegänger eingesetzt.
Doch der Typ ist viel älter, wurde auch Tigerhund und Bengalische Bracke genannt, nach dem historischen Landstrich Bengalen im Nordosten Indiens. Eine Theorie sagt, dass britische Kolonialbeamten ihn hier finden, nach Dalmatien und England bringen. Dort macht der Hund im 19. Jahrhundert Karriere als "Coach Dog". Er wird als Begleiter von zweirädrigen Wagen eingesetzt, sogenannten Tilburys, scheucht, oft in Meute, Vieh und Volk von der Straße, bewacht Wagen und Pferd im Stall. Aufgaben, die von dem Hund ein hohes Maß an Wendigkeit, Umsicht und Eigeninitiative fordern und in ihm einen Beschützerinstinkt ausprägen.
"Co-Therapeut" und ruhiger Begleiter
Charaktermerkmale, die die Rasse bis heute kennzeichnen. Hundefreundin Karin Schmidt züchtet auch Pferde, sogenannte Halfbreds, aus Arabern und Trakehnern. Hunde- und Pferdezucht gehen oft zusammen. Das sei typisch, meint Karin Schmidt: "Als Reiter ist man daran gewöhnt, draußen einen Kumpel zu haben." Sie gehört zu den pragmatischen Züchtern. Abgesehen von ihrer Spezialisierung auf braun getupfte Dalmatiner versucht sie nicht, "was Besonderes" aus ihren Hunden herauszuholen. Sie sollen nicht zu hoch, elegant und eher feingliedrig sein, wesensstark und robust.
Den Deckrüden für die nächsten Jahre hat sie auf einer Berliner Ausstellung entdeckt: "Bei Wettbewerben hat der zwar immer nur den dritten oder vierten Platz gemacht." Aber sie hat beobachtet, wie er auf andere Hunde und Menschen reagiert, sie kennt seine Wurfgeschwister und seine "interessante Herkunft, die weder von Krankheiten noch anderen Maleschen bekleckert ist". Nie hat Karin Schmidt mehr als drei Hunde im Haus, nie zieht sie mehr als einen Wurf pro Jahr groß, und keine ihrer Hündinnen wird im Lauf ihres Lebens mehr als viermal gedeckt.
Aus dem letzten Wurf der Aschebergerin hat sich Katharina Scholz, 48 Jahre alt, Hundeheilpraktikerin mit Hundeschule aus Tarp, den Welpen Mia Cara ausgesucht. Sie möchte sie zum Therapiehund ausbilden. Denn mit einem Hund als "Co-Therapeuten" schafft sie es, die Unruhe von Parkinsonkranken zu reduzieren, depressive und demente Menschen aus ihrer Isolierung zu lösen, bewegungsarme Kinder zu motivieren.
Seit 20 Jahren bildet sie auch Behindertenhunde aus, lehrt sie Türen oder Schubladen auf- und zu-, Schalter an- und auszumachen oder einfach Gefährte zu sein. Für solche Aufgaben nimmt sie gern Dalmatiner. "Die lernen schnell", sagt sie. Das bedeutet nicht, dass sie als Therapiehund prädestiniert wären. "Es gibt keine besonders geeignete Hunderasse. Die Fähigkeit hängt immer vom individuellen Hund ab." Aber sie hat gute Erfahrung mit Dalmatinern gemacht und kennt sie durch ihre Arbeit auch im Vergleich zu anderen Rassen.

"Dalmatiner sind allerdings nur etwas für Leute mit ausgeprägtem Familiensinn", sagt sie, für Menschen also, die im übertragenen Sinn ein Meuteleben gewöhnt sind, die Kinder und Oma genauso wie den Hund mit ins Restaurant und in den Urlaub nehmen. Und die es mögen, dass er "Kontakt sucht, neben ihnen auf dem Sofa liegt und kuschelt". Dalmatiner-Menschen müssen sich gern bewegen, fürs Marathonlaufen trainieren, wandern, Fahrrad fahren, reiten, und zwar mindestens zwei, besser drei Stunden täglich und möglichst auf wechselnden Routen. Gassigehen von einer Straßenecke zur nächsten zwischen Abendbrot und "Tagesschau" reicht dieser Rasse absolut nicht.
Die Hunde können im Büro sechs Stunden neben dem Schreibtisch liegen, bleiben im Kaufhaus ruhig, benehmen sich im Hotel und sogar in der Fußgängerzone. Karin Scholz erzählt von einem Maurermeister, der seinen Rüden - "der war super souverän" - mit zum Kunden auf die Baustellen mitnimmt. All das geht, wenn die Hunde ausgelastet sind - auch und vor allem mental: "Wenn Sie mit einem Dalmatiner immer dieselbe Spazier-Runde drehen, latscht der nur noch lustlos hinter Ihnen her", sagt Katharina Scholz. "Auch zehnmal denselben Hundeparcours absolviert der nicht gern. Er widersetzt sich, und es steht ihm ins Gesicht geschrieben: Frauchen, wenn du das nicht beherzigst, dann mach mal allein; ich schau dir zu." Wer die Neugierde der Hunde nicht versteht, erntet höchstwahrscheinlich Misserfolge.
Träumer und Methusalem
Dalmatiner seien "dumpf, stur und nicht zu erziehen", heißt das Vorurteil. Ganz falsch, meint Katharina Scholz: "Man darf sie sich nur nicht unterordnen wollen."Schwarze Pädagogik macht aus den intelligenten Dalmatinern Querulanten. Ebenso mangelnde Konsequenz. Das heißt aber auch, betont sie, den Hund zu loben, "selbst wenn Sie eine Stunde nach ihm gerufen haben, bis er endlich kommt. Wenn Sie jetzt nörgeln, sagt er sich: Dafür? Das nächste Mal nicht".
"Nanuk, hör, das bin ich." Nanuk liegt bei Karin Schmidt in einem Körbchen in der Küche. Sie knuffelt an seinem Kopf, damit er reagiert. Er ist 13 Jahre alt, ein Hunde-Methusalem, und etwas schwerhörig. Der Rüde stammt aus ihrer Zucht. Sie hat ihn zurückgenommen, nachdem er zweimal im Tierheim abgegeben und von dort wieder vermittelt worden war. Erst der dritte Besitzer rief Karin Schmidt an, als er Probleme mit der Hundehaltung bekam. Er fand sie über die Tätowierung im Hundeohr - eine sichere Fährte über den VDH, den Verband für das Deutsche Hundewesen, zum Züchter. "Eine Schande, dass den Leuten im Tierheim das nicht eingefallen ist", schimpft Karin Schmidt. Sie hat den Rüden behalten. Es ging ihm glänzend - aber, meint sie, "drei Besitzerwechsel waren genug". Letztes Jahr ist er Veteranenchampion geworden. Drei- bis viermal am Tag lässt sie ihn für eine Stunde in den Hundegarten. Ab und zu tobt er. Den Rest der Zeit träumt er Hundeträume.
Text: Siv-Oriane Saxien
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