
Cocker sind echte "Familien-Hunde".
Unkompliziert und unheimlich zutraulich
Ein spanischer Einwanderer
Die Schwestern Eitel rauchen hastig. Sie stehen vor der Tür des Schießsportvereins in Bramsche, in Niedersachsen. Es ist Ende November, Nieselregen an der Grenze zum Schneeregen. Die Luft ist schlecht in der Halle. Würstchen räuchern. Entlang der Wände sitzen lang-ohrige Hunde in apfelsinenkistengroßen Käfigen.
Der Cocker Club Deutschland hält seine Spezialzuchtschau für Englische und Amerikanische Cockerspaniel ab. Verena und Rafaela Eitel sind schlank wie Haselruten, beide tragen stramm zurückgekämmte blonde Pferdeschwänze, viel Gold an den Gelenken und den dunklen Hosenanzügen. Der halbe Tag ist um, sie hoffen auf Auszeichnungen.
Am nächsten Tag, Sonntag, werden sie nach Iserlohn weiterfahren, wo ebenfalls eine Zuchtschau stattfindet - "neues Spiel, neues Glück". Die Schwestern gehören in dem Wandervolk der Hundeaussteller zu den Erfolgreichen der letzten Jahre. Die Züchterin Eva Halbach-Velija in Legden, nur eine Autostunde entfernt, ist in Bramsche nicht dabei. Der Richter mag ihre Hunde nicht, sagt sie, da könne sie gleich zu Hause bleiben. Eva Halbach-Velija bewohnt einen Bauernhof: große Gebäude, ein Innenhofgarten, Blumenbeete, gemütlicher Krimskrams.
Im Haus wackelt Teranica, die Cocker-Oma, auf den Besucher zu und grüßt per Hundeschnauzen-Klick. Sie ist fast dreizehn Jahre alt und schon etwas taub. Das große Zimmer neben der Diele dient als Welpenstation. Im Augenblick wohnt hier Molly. Sie hat zwei Junge, vier Wochen alt, groß wie prall gefüllte Socken. Sie knuffeln vor sich hin wie Küken und riechen, "... das müsste man auf Flaschen ziehen können, irgendetwas zwischen Baby und Feinwaschmittel." Eva Velija ist Hundefrau durch und durch. Und der Cockerspaniel ist ihr Herzenshund.
Von den neun Spanielrassen ist der Englische Cockerspaniel mit Abstand der populärste. Aus Spanien, wie der Name andeutet, nach England eingewandert, wurde er durch Auslesen zum Spezialisten in den unterschiedlichen Jagddisziplinen herangezüchtet. Welche Laufbahn der Spaniel einzuschlagen hatte, entschied sich lange Zeit auf der Waage. Brachte es der junge Hund auf mehr als elf Kilo, machte man ihn zum Springerspaniel und setzte ihn auf Füchse und Hasen an. War er leichter, wurde das Aufstöbern von Hühner- und Schnepfenvögeln seine Aufgabe. Cock heißt im Englischen Waldschnepfe, daher der Name Cockerspaniel. 1892 nahm ihn der Englische Kennel Club als Bezeichnung einer neuen Rasse in seine Bücher auf.
"Koboldhaft und leicht zu händeln"
Dicke Schnauze, dicke Pfoten, ein hoher, runder Kopf mit langen, im Trab lustig fliegenden Ohren, die den Affenschaukeln eines fünfjährigen Mädchens gleichen: Das Aussehen hat den fröhlichen, Waldschnepfen stöbernden Englischen Cockerspaniel zum Familienhund gemacht. Und zum Modehund.
Mitte der siebziger Jahre hatte er sich Platz drei der Hundehitliste nach Schäferhund und Dackel erobert. Am schicksten fand man die rothaarigen, die sogenannten goldenen Cocker, und bald sah man kaum noch andere. An die fünftausend Welpen wurden in den siebziger Jahren dem Verband für das Deutsche Hundewesen gemeldet. 2007 waren es nur noch 1466. Der Cocker war in Verruf geraten. Das Vorurteil: Besonders die Roten sind Teufel, die überraschend und blindwütig beißen. Cockerwut wurde zum Schlagwort. Manche nennen es Anfallkrankheit, aber viele sagen, das habe es nie gegeben.
Die unterschiedlichsten Erklärungen kursieren für die rätselhafte Tobsucht, von der man bis heute nicht weiß: Ist es eine Krankheit, eine Erbkrankheit oder ein Verhaltensmuster?
Erzählt wird von fragwürdigen Kreuzungsversuchen. Irische Terrier seien eingekreuzt worden, um die begehrte, aber rezessive rote Fellfarbe zu sichern. Den Beweis liefere ein nur bei roten Cockern vorkommendes harsches Terrierhaar am Kopf, das ausgezupft werden müsse. Es gibt auch den Bericht von einem in den Siebzigern aus England importierten Cockerrüden: rot, bildschön, aber von verschlagenem Wesen. Er räumte alle Preise ab, deckte unzählige Hündinnen und verbreitete die Bosheit. Eine Geschichte in englischer Schauertradition und "unfair", sagt Wilhelm Lehmkuhl, der Vorsitzende des Cocker Clubs Deutschland. Damit lenkten Züchter nur von ihrer Verantwortung ab. Sein Resümee: "Wir haben Fehler gemacht." Falsch war die forcierte Zucht roter Hunde. Man hatte, um sicher zu gehen, dass die Welpen das begehrte feuergoldene Fell haben, Rot mit Rot verpaart. "Das", so der Vorsitzende, "war nicht gut."
Das Gute an der hässlichen Geschichte ist: Sie hat die Aufmerksamkeit erhöht. Alle vier vom VDH kontrollierten Spanielklubs achten empfindlich auf das Einhalten der Zuchtbedingungen. Bei ihnen ist die Cockerwut schon lange kein Problem mehr. Auch deshalb, weil gute Züchter genau darauf achten, wem sie Welpen übergeben. Denn ungebremste Aggression ist nicht selten die Folge massiver Erziehungsfehler. Es gibt sehr dominante Hunde und die sind, englische Testreihen haben es gezeigt, unter den roten Cockern häufiger vertreten. Die müssen besonders konsequent erzogen werden.
Eva Halbach-Velija hat sich gegen die Einfarbigen entschieden. "Die sind Einmann-Hunde, die wollen nicht teilen, sind eifersüchtig und verzeihen keine Erziehungsfehler." Seit 1979 züchtet sie bunte. Die sind "koboldhafter" und "leicht zu händeln". Vierzig Hunde versammeln sich im Moment bei ihr. Dass es so viele sind, ist die Folge eines übergroßen Hundeherzens: Sie hat die Möglichkeit zur Rückgabe zum Bestandteil ihres Kaufvertrages gemacht.
Die große Meute lebt, ähnlich wie in einer Rassepferdezucht, aber zu kleinen Untergruppen zusammengelegt, in abgetrennten Kojen im großen Stall des Hofes. In jede Koje hat Eva Halbach-Velija eine Holzhütte mit Wärmlampe bauen lassen, jede Koje hat einen Ausgang nach draußen auf die Obstbaumwiese.
Cocker sind keine leisen Hunde. Freude und Übermut kläffen sie in die Welt. Nur fünf Prozent der Englischen Cockerspaniel werden heute noch jagdlich gehalten. Im Revier sind sie Exoten geworden, obwohl sie als Allrounder, als Stöber- und Apportierhund begeistern, wenn sich ein Jäger für sie entscheidet. "Neunzig Prozent unserer Cocker liegen im Bett", frotzelt der Clubvorsitzende Lehmkuhl. Gut möglich, dass er das ernster meint, als es sich anhört, und dass er es bedauert. Denn der Cocker will nicht in der Stube hocken, sondern Bewegung haben.
Lesen Sie mehr: Ein Tier zum Liebhaben