

Vier Stunden dauert die Prozedur vor jeder Ausstellung, bis Champus sich in einen Star verwandelt. Er wird gebadet, sein fast bodenlanges Fell wird geföhnt, dann werden ihm Schuhe an die Füße gezogen. Eigentlich sei das Baden schlecht, sagt Helga Werner, auch wenn man die besten Spezialshampoos nehme. Das Waschmittel zerstöre die natürliche Selbstreinigungsfähigkeit des Fells. Wer damit anfängt, kann nicht mehr aufhören. "Manchmal denke ich", sagt Helga Werner, "dass ich mit denen mehr tue als mit mir."
Langes Fell: dumme Hunde, kurzes Fell: kluge Hunde, lautet ein Vorurteil der Bearded Collie-Freunde. Und für manch einen sind Hunde wie Champus die Karikatur eines Bearded Collie. Andere sehen in ihm den "Typ weiches, langes Fell" mit viel Unterwolle neben dem "schweren Typ" und dem "leichten Typ mit kurzem Haar". Für sie ist die Vielfalt ein Beweis für den großen Genpool der Rasse. Er erklärt sich aus der Geschichte.
Bearded Collie: Arbeitshund durch und durch
Im Jahr 1944 begann eine Engländerin namens G. O. Willson sich mit der durch die Weltkriege in Vergessenheit geratenen Rasse des Bearded Collie, dem "bärtigen" Schäferhund, zu beschäftigen. Mit einigen Mitstreitern suchte sie bei englischen Farmern nach letzten Exemplaren. Sie fand 28 und ließ sie im Zuchtbuch des britischen Kennel Club, des ältesten Hundezüchtervereins der Welt, registrieren. Siebzehn der phänotypisch sehr unterschiedlichen Hunde wurden zur Zucht eingesetzt. Noch heute stammen alle reinrassigen Beardies von ihnen ab.
Mit Lassie, dem berühmten Fernsehhund, hat der Bearded Collie aber wenig zu tun. Collie war früher eine Berufsbezeichnung für Hunde, die Schafe hüten. Colley hieß im 18. Jahrhundert eine bestimmte schottische Schafrasse mit schwarzen Köpfen. Hunde, die sie hüteten, waren Colley-Dogs. Deshalb ist der Bearded Collie nicht mit Lassie, einem Langhaar-Collie verwandt, wohl aber mit dem aus "Wetten, dass ...?" bekannten Border Collie Rico, dessen enorme Lernfähigkeit sogar am Leipziger Max-Planck-Institut getestet wurde. Borders und Beardies, so die Legende, arbeiteten einander zu. Während die ersten die Herden zusammenhielten, lief der Bearded Collie in die Berge, um die Herden ins Tal zu holen. Das erklärt auch sein "loses Mundwerk", eine Charaktereigenschaft, die ihm geblieben ist: Er dirigierte die Schafe durch Bellen.
Auch sein langes Fell war eine Berufseigentümlichkeit, kein Modefirlefanz. Der sieben Jahre alte Rüde Sam lasse sich im Winter sogar draußen einschneien. "Das macht ihm gar nichts", sagt Christiane Wild. Es ist ein Erbe seiner Vorfahren. Auf den schottischen Hochebenen blieb der Bearded Collie bei eisigem Wind draußen und brauchte ein Fell, das ihn wie ein Zelt schützt und wärmt. War es verfilzt, wurde es wie bei Schafen geschoren. Ebenso berufsbedingt ist das feine Gehör des Bearded Collie. "Wenn mein Sohn Max sich oben im ersten Stock seine Jacke anzieht, stehen die Beardies schon vor der Tür", sagt Christiane Wild. Sie brauchten dieses Gehör, denn zu ihren Aufgaben gehörte es, zwischen Torfmooren und Heideflächen verirrte Tiere zu finden. Das Gehör macht die Hunde aber auch sensibel und in der Folge ängstlich.

"Werden Beardies nicht schon als Welpen sorgfältig sozialisiert, an Autos, Maschinen, Menschenmassen gewöhnt, können sie sich zu Angstbeißern entwickeln", warnt die Tierärztin und frühere Rassebeauftragte Doris Baumgarten und raubt allzu idealistischen Beardie-Fans einen ihrer größten Trümpfe. Die Fellpakete haben nämlich den Ruf, dass ihnen jegliche Aggressivität fehle. "Die wissen manchmal gar nicht, wozu sie Zähne haben", sagt Helga Werner, die Besitzerin des Ausstellungskönigs Champus. Sie hat zwar schon erlebt, dass zwei Rüden aufeinander losgehen. Doch dann grummeln sie sich nur an und laufen wieder auseinander. "Viereckig, wie Katzen", das ist alles.
"Ein Herkules ist der Bearded Collie nicht." Er achtet darauf, dass all seine Schäfchen da sind, wo sie hingehören, und verbellt jeden, der im Haus nichts zu suchen hat. Bestenfalls taugt er zum Wachhund. Helga Werner reicht das aber völlig: "Ich würde mich im Ernstfall sowieso vor meinen Hund schmeißen."
Bearded Collie: keine "Püppchenrasse"
Im Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena führten Wissenschaftler die weltgrößte Studie zur Fortbewegung von Hunden durch. Sie wollten herausfinden, wie sich Gewicht und Größe auf die Gangart auswirken, ob die Fortbewegung von biomechanischen Größen abhängt oder genetisch bestimmt ist, ein Hund also läuft, wie er läuft, weil er ein Hund ist. Die Gruppe des Canis lupus familiaris interessierte die Evolutions-Biologen deshalb, weil sie die variabelste aller Tierarten ist. Es gibt etwa 350 Hunderassen, davon wählten die Forscher 30 aus. Der Bearded Collie war unter anderem deswegen dabei, weil er ein Hütehund und ausgesprochener Traber mit einem eher langen Körperbau ist und nicht mit einem quadratischen wie die meisten Hunde. Der Lauf der Hunde wurde mit Hochgeschwindigkeitsvideokameras gefilmt, die 300 Bilder pro Sekunde erzeugen. Marker auf den Gelenken zeigen, wie sich die Gliedmaßen bewegen.
Die Forscher, die den Bearded Collie gar nicht kannten, dachten anfangs wie so viele: "Was für schöne Hunde, was für schöne Haare." Doch dann stellten sie fest, dass es sich bei ihm nicht um eine "Püppchenrasse" handelt. "Die Hunde begriffen die Aufgabe sofort, ließen sich aufs Laufband stellen. Keiner der zehn Probanden verweigerte sich. Sie waren lieb, ruhig, angenehm und wesensstark", sagt Forscherin Dr. Karin Lilje.
Eine Charakterstärke mit menschlichen Zügen: Seit ihrem ersten Wurf ist Christiane Wilds Bearded Collie Paula die unangefochtene Rudelführerin. Trotzdem bleibt Sam, der sieben Jahre alte Rüde, ein typischer Hundemann. "Er will alles im Griff haben. Wenn er toben will, sollen alle toben. Will er Ruhe, müssen alle Ruhe geben." Und wenn er zum Kuscheln aufgelegt ist, wird Sam zum "Kampfschmuser". Typisch Beardie.
Text: Siv-Oriane Saxien
> Steckbrief: Bearded Collie
> Alle Hunderassen im Überblick