Darf man auch mal wild herumtollen, sich mit seinem Hund über die Wiese kullern lassen oder auf dem Teppich wälzen? Aus reinem Spaß an der Freude, ganz ohne Trainings- oder Lernziel? DOGS-Experte Martin Rütter findet: Auf jeden Fall!
Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Hund gespielt, einfach so, spontan und unbefangen, aus Spaß an der Freude? Warum ich diese Frage stelle? Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass viele Hundehalter unsicher darauf reagieren, wenn ich sie dazu auffordere. "Wie jetzt?", lautet häufig die Gegenfrage, "einfach spielen, ohne pädagogischen Hintergedanken?"
Offenbar fehlt es vielen dazu an der nötigen Unbefangenheit. Die meisten Leute machen sich zu viele Gedanken, um bloß nichts falsch zu machen. In solchen Momenten frage ich mich, ob wir mit unseren Ansprüchen an eine professionelle Hundeerziehung über das Ziel hinausgeschossen sind. Wenn die Menschen sich nicht mehr trauen, selbstvergessen mit ihren Hunden herumzutollen, sollten wir Trainer Entwarnung geben und Mut machen, diesen Spieltrieb auszuleben. Schließlich gehört das Spiel zu den selbstverständlichsten und schönsten Sachen der Welt! Mehr noch: Es fördert die Bindung und das Vertrauen zwischen Mensch und Hund.
Der Zweck heiligt die Mittel
Wild lebende Kaniden wie die Dingos, die ich auf meinen Reisen durch Australien beobachten konnte, spielen häufiger, ausdrucksstärker, vielfältiger und friedlicher miteinander als Hunde. Außerdem beginnen sie damit bereits in jüngerem Alter.
Eine Erklärung für diesen gravierenden Unterschied könnte darin gesehen werden, dass Spielen eine kardinale Funktion bei der Aufrechterhaltung der Sozialordnung einnimmt. Jeder Dingo ist darauf angewiesen zu lernen, wie er sich in seinem Rudel verhalten muss, ohne dass er aneckt. Spielformen stellen dabei ein wichtiges Übungsfeld dar. Dingos spielen jedoch nur in einem situativen Umfeld, das von Friedfertigkeit und Entspannung gekennzeichnet ist. Wenn das Rudel Hunger leidet oder ein ranghohes Tier gestorben ist und sich das Gefüge neu formieren muss, unterbleibt dieses Verhalten.
Während Dingos in der freien Wildbahn einem hohen Überlebensdruck ausgesetzt sind, haben es unsere Haushunde relativ leicht. Sie leben zwar in Abhängigkeit von uns Menschen, aber ihre Versorgung ist gesichert, sie müssen nicht um das tägliche Überleben kämpfen. Hunde bleiben daher meist infantil, was ihre Entwicklung betrifft, das heißt, sie werden eigentlich nie richtig erwachsen.
Wesentliche Verhaltensformen wild lebender Kaniden leben sie nur spielerisch aus, als Kavalier, Angreifer und Jäger. Viele Hunde bellen somit ein gestelltes Kaninchen zwar taub, sie töten es aber nicht. Ihre Spielfreude bleibt bis ins hohe Alter erhalten."Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann!" Dieser Ausspruch des französischen Meeresforschers Jacques Cousteau deutet an, welch seltsame Bewandtnis es mit dem Spielen hat. Selbst wenn es Spaß macht und keinem Zweck dient, erfüllt es dennoch eine Reihe wichtiger Funktionen:
Training: Körperliche Fertigkeiten des Hundes werden beim spielerischen Miteinander entwickelt oder sogar verbessert.
Spielerisches Lernen: Die Tiere trainieren ihre Befähigung, sich auf unterschiedliche Situationen flexibel einzustellen und neu erlernte Strategien zur Lösung von Problemen auszuprobieren. Auf diese Weise wird ihre Intelligenzleistung gesteigert.
Sozialkontakte pflegen: Auffällig ist, dass vor allem jene Tiere Spielverhalten zeigen, die in Sozialverbänden leben. Offenbar bietet das Spiel eine gute Möglichkeit, sich in entspannter Atmosphäre mit den Regeln des Zusammenlebens vertraut zu machen, Bindungen aufzubauen und zu festigen. Junge Rudelmitglieder wachsen auf spielerische Weise in ihre Rolle hinein.
Aggressionen abbauen: Rivalitäten in der Gruppe können auch über spielerische Aktivitäten ausgetragen werden. Spielverhalten schafft und festigt Bindungen und fördert die gegenseitige Toleranz.
Spielerische Vorlieben
Hunde spielen nicht nur individuell sehr unterschiedlich, es gibt auch einige rassetypische Unterschiede, die auf die ursprünglichen Zuchtziele zurückgehen. So wurden Jack Russell Terrier auf Selbstständigkeit und Aggressivität hin gezüchtet, denn sie sollten bei der Jagd auf Ratten und Mäuse eigenständig und entschlossen agieren. Ihr Spielverhalten ist daher eher rau und aggressiv. Außerdem behalten sie beim Miteinanderspielen stets mögliche Vorteile im Auge, die sich für sie ergeben.
Labradore sind dagegen auf die Kooperation mit dem Menschen hin gezüchtet, ihr Spielverhalten ist von sozialem Miteinander und gutem Zusammenwirken geprägt. Und während Windhunde einen angeborenen Spaß an der Bewegung haben, und sie daher Rennspiele bevorzugen, wird ein Hütehund, der das "Managen" einer Schafherde im Blut hat, eher körperlich, robust und dynamisch spielen wollen. Zugegeben, das Spiel der nordischen Rassen wie zum Beispiel eines Huskys oder eines Alaskan Malamute oder das der Herdenschutzhunde wie Kangal und Owtscharka fällt eher spärlich aus. Doch eines gibt es meiner Erfahrung nach nie: einen Hund, der überhaupt nicht spielen mag - vorausgesetzt das Tier ist gesund.
Spielverderber gibt es nicht
Ich treffe immer wieder Leute, die sagen: "Mein Hund spielt nicht." Doch wenn ich mir den vermeintlich spielfaulen Kandidaten genauer angucke und richtig mit ihm loslege, dann spielt selbst ein Zehnjähriger wieder wie ein junger Springinsfeld. Und wenn wir zwei so über den Teppich kullern, machen die Besitzer Augen und sagen: "So hab ich meinen Hund überhaupt noch nicht erlebt."
Rütters Spiel-Tipp: Es kommt darauf an, die Sache interessant zu machen. Zunächst bitte das alte Spielzeug komplett wegräumen. Dann besorgen Sie ein neues Teil, ganz egal, was. Legen Sie es an einen Platz, der für den Hund unerreichbar ist, zum Beispiel in ein höher gelegenes Regalfach. Einmal pro Tag gehen Sie nun dorthin, nehmen das Spielzeug und sagen "Oh, fein", zeigen also Begeisterung und wecken Interesse. Sie rücken das Teil aber auf keinen Fall heraus.
Das wiederholen sie ein paar Tage. Sie können das Spielzeug auch mal kurz hochwerfen, wieder auffangen und weglegen oder anderen Familienmitgliedern zeigen. Machen Sie ein Ritual daraus, und Sie werden sehen, binnen einer Woche dreht Ihr Hund durch vor Neugier auf das neue Spielzeug. Anschließend können Sie es dann für Apportier- und Versteckspiele verwenden.
Spielen ohne Spielzeug
Ich erlebe oft, dass Hundebesitzer meinen, Spielen muss mit einem Objekt verbunden sein. Und schon wird nach einem Stöckchen, einer Frisbeescheibe oder einem Ball Ausschau gehalten. Dies stimmt absolut nicht! Man kann einfach nur herumtoben, raufen oder sich verstecken, es gibt viele Möglichkeiten jenseits von Apportierspielen.
Wenn ich Lust bekomme, mit meiner alten Hundedame Mina zu spielen, dann stichele ich sie ein bisschen, stupse sie hier und dort oder renne hinter ihr her. Oder ich schleiche mich ganz leise an, nehme ihr das Stofftier weg und renne wie verrückt los. Wenn sie eingedöst ist, verstecke ich mich und mache komische Geräusche. Schon wird sie hellhörig und fängt an, mich zu suchen. Wenn sie mich dann hat, lasse ich mich auf den Rücken fallen und sie darf auf mir herumkrabbeln. Einzige Regel: Wenn es ausufern sollte, unterbreche ich das Spiel. Das ist ja nicht anders als beim Herumtoben mit Kindern. Will ich das Spielen beenden, sage ich freundlich und bestimmt: "Schluss!"
Rütters Spiel-Tipp: Anfang und Ende der Spielphase bestimmen Frauchen oder Herrchen. Ausnahme: Wenn Ihr Hund eindeutige Signale zur Spielaufforderung zeigt, tun Sie ihm ruhig den Gefallen und gehen Sie darauf ein. Spielen ist ein sozial verbindendes Element, und der Impuls dazu kann, genauso wie bei unseren Kindern, selbstverständlich von beiden Seiten kommen.
Dominanz im Spiel?
"Und was ist, wenn der über mir steht?", fragte mich neulich die verunsicherte Besitzerin eines jungen Irish Setters, der ich vorgeschlagen hatte, im Spiel mit ihrem Tier auf dem Fußboden herumzukugeln. "Ist das nicht eine Dominanzgeste?" Beobachten Sie eine Hundemutter beim Spiel mit ihren Welpen, schlug ich ihr vor. Die liegt doch auch oft unten. Und wenn es ihr tatsächlich zu viel wird, interveniert sie, indem sie kurz knurrt und aufspringt. Genau so können Sie das machen. Nein, nicht knurren, aber aufstehen und das Spiel beenden. Dominanz wird vielfach überbewertet, ist zum Schlagwort geworden, das oft im falschen Zusammenhang verwendet wird. Natürlich muss Spiel ein Spiel bleiben und darf sich nicht derart hochschaukeln, dass der Hund wirklich aggressiv wird.
Rütters Spiel-Tipp: Hundehalter festigen ihren Sozialstatus, indem sie die Initiative ergreifen. So fällt es dem Tier leichter, sich am Menschen zu orientieren. Hunde benutzen Spielobjekte gern, um Besitz anzuzeigen. Drehen Sie den Spieß ruhig hin und wieder um und beschlagnahmen Sie eines seiner Lieblingsspielzeuge, indem Sie es für eine Weile vor ihm verbergen und den Hund nicht dranlassen. So demonstrieren Sie ihm, dass Sie es als Ihr uneingeschränktes Vorrecht betrachten, Zugriff auf seine "Schätze" zu haben.
Nur nicht verrückt spielen!
Ich bin ein großer Freund von Apportierspielen, doch viele Halter übertreiben es damit und machen ihre Hunde geradezu süchtig nach dem Kick, den die Hatz auf ein Wurfspielzeug auslöst - und das meine ich tatsächlich wörtlich. Diese Tiere entwickeln eine körperliche Abhängigkeit von den Dopamin- und Serotoninschüben, die ihr Körper dabei erlebt. Außerdem betrachte ich es als eine Störung im Sozialverhalten, wenn diese Tiere nichts außer dem Ball oder der Frisbeescheibe im Kopf haben. Die Versessenheit geht oft so weit, dass diese "Junkies" selbst die Anwesenheit spielfreudiger Artgenossen ignorieren, weil sie ganz aufs Apportieren fixiert sind.
Rütters Spiel-Tipp: Lassen Sie sich nicht von Ihrem Hund zum Spielen drängen. Sie entscheiden, wann es losgeht und wann es aufhört. Nutzen Sie die starke Motivation Ihres Vierbeiners, um ihm zunächst andere Aufgaben zu stellen. Erst danach beginnen Sie mit dem Apportierspiel. Alternativ sollten Sie des Öfteren Fährten- und Versteckspiele anbieten. Denn die Nasenarbeit bringt Ruhe ins Spiel und fördert die Konzentrationsfähigkeit Ihres Hundes.
Körperkontakt herstellen
Schmusen, Streicheln und Kontaktliegen sind wichtig für die Entwicklung einer vertrauensvollen und stabilen Mensch-Hund-Beziehung. Das gilt besonders im Welpenalter. Nutzen Sie jede Gelegenheit, Körperkontakt zum kleinen Schützling herzustellen. Aber Vorsicht, das kumpelhafte "Abklopfen" seiner Schulter gleicht vielleicht dem unter Menschen üblichen Auf-die-Schulter-klopfen, Hunde aber verstehen diese Form der Zuwendung meist falsch: Klopfen hat für sie einen eher aggressiven Charakter, sie reagieren verunsichert. Streicheln und kraulen Sie lieber Bellos Brust, seinen Nacken, den Kopf und die Schlappohren.
Rütters Spiel-Tipp: Legen Sie sich zu Ihrem Welpen auf den Boden und lassen Sie es zu, dass er Ihren Körper erkundet. Wenn er dabei auf Ihnen herumsteigt, macht das gar nichts, im Gegenteil, es zeigt nur, dass er Ihnen mehr und mehr vertraut. Ist ein Vertrauensverhältnis einmal aufgebaut, wird alles andere zum Kinderspiel.