
Mehr Freiräume durch eine gute Bindung und zuverlässigen Gehorsam- zum Beispiel auf Spaziergängen ohne Leine.
"Wenn wir alltägliche Streitpunkte für uns entscheiden können, bieten wir ihm den Wegweiser, den er sucht. Der Hund lernt, dass er sich in seinem Verhalten an uns orientieren muss, und er lernt, dass er dies auch ohne weiteres leisten kann. "Das ist der Beginn von Vertrauen und hochwertiger Bindung, denn es entsteht etwas Entscheidendes: Wir erhöhen sein Sicherheitsgefühl in dieser wilden Welt."
Macht macht frei und stark
Doch bestätigt Gehorsam nicht das Klischee vom Halter, der sich an der Untertänigkeit seines Hundes ergötzt? "Im Gegenteil", meint Grewe: "Sind wir Autoritätsperson, erfüllen wir seine Erwartung auf Orientierung. Sonst würde der Hund Dinge selbst entscheiden. Was dazu führen würde, dass wir ihn in seinen Freiheiten einschränken müssten, etwa indem wir ihn nicht ohne Leine laufen ließen." Dagegen eröffnen sich dem Gespann, das deutliche Rollenverteilung und klares Reglement kennt, viele Freiheiten: "Je sicherer der Hund uns gehorcht, desto mehr kann seine Eigenständigkeit wachsen." Diese Freiheit sorgt für Entspannung im Alltag: "Ist die Bindung fest, der Gehorsam selbstverständlich, kann der Mensch auch mal fünfe gerade sein lassen. Wichtig ist, dass er die Summe der Konflikte für sich entscheiden kann." Mit Kadavergehorsam hat diese entspannte Haltung nur sehr wenig zu tun: "Gehorsam durch Zwang geschieht aus Angst vor Strafe und funktioniert nur, solange der Hund im Wirkungsbereich seines Menschen ist."
Viele Hundehalter streben aber aus Abscheu vor der Macht danach, in einem gleichberechtigten System die Harmonie mit ihrem Haustier zu suchen. Für sie stellt sich die Gewissensfrage: Ist diese Vorstellung überhaupt hundgerecht? Der Grund des hündischen Faibles für herausragende Autoritäten ist sozialevolutionär bedingt: "Wilde Kaniden leben in klar gegliederten Sozialsystemen, meist in Form von Elterntieren mit ihrem Nachwuchs. Hier gibt es keine Demokratie, sondern eine Rangordnung. Diese etabliert sich aber nicht durch besonders rüpelhaftes Auftreten der Alphatiere, sondern durch die fürsorgliche Haltung, die Eltern naturbedingt tragen. Deshalb werden sie von ihren Kindern geliebt. Achtung und Respekt festigen sich, wenn Elterntiere gegenüber Heranwachsenden darauf bestehen, sich konsequent situativ durchzusetzen, und zugleich in der Zuneigung konstant bleiben."
Bei Menschenclans der Steinzeit wird dieses Sozialverhalten ähnlich funktioniert haben, in intakten Familienstrukturen hat sich daran bis heute nichts geändert. "Deshalb ist der Verbund von Mensch und Hund ähnlich, und der Wolf auf seinem Weg zum Hund musste sich nicht groß umstellen", weiß Hundetrainer Grewe. Dabei leben Menschen und Hunde nicht in einer Rangordnung, wie lange Zeit vermutet wurde: "Wir gehören nicht einer Tierart an und pflanzen uns nicht miteinander fort", macht Grewe klar. "Folglich können wir auch nicht in einer Rangordnung mit dem Hund leben." Der Vierbeiner strebt allerdings auch nicht danach, denn er erkennt uns deutlich als Nichthund: "Wir riechen anders als er, wir verhalten uns anders, wir kommunizieren anders." Zwischen Mensch und Hund bildet sich ein anderes Beziehungsleben als eine natürliche Rangordnung heraus: "Für den Hund leben wir gemeinsam in einer Sozialrangordnung, die sich im Zusammenleben mit uns entwickelt." Deren charakteristisches Merkmal ist, dass der Mensch die soziale Verantwortung für alle Gruppenmitglieder übernimmt - sein gehobener Status rechtfertigt sich also allein aus seinem situativen Verhalten. Für den Hund wiegt der Moment: "Ist das Verhalten des Menschen in wiederkehrenden Situationen konstant, kann sich die Sozialrangordnung festigen, er findet seinen Platz in ihr und kann in der starken Gemeinschaft zur Ruhe kommen."
Ohnmacht macht keinen Spaß
Hundebesitzer, die kein Problem mit Dominanz haben, identifiziert Michael Grewe an einfachen und klaren Kriterien: "Man erkennt sie an ihren Hunden, daran, dass ihre Lieblinge Freiheiten genießen, vertrauensvoll die Nähe von Frauchen oder Herrchen suchen, aber auch in aufregenden Situationen auf deren Anweisungen achten." Ein solcher Hund bietet ein deutliches Gegenbild zu der armen Kreatur, die demütig, buchstäblich wie ein geprügelter Hund neben seinem Herrn herschleicht, oder zum Hund, der auf dem Hundeplatz alle Übungen perfekt beherrscht, sich aber bei unvorhergesehenen Ereignissen in ein unkontrollierbares Wildtier verwandelt.
Doch was ist zu tun, wenn unser Machtanspruch in kritischen Situationen vom Hund plötzlich ignoriert wird? Ist das ein Zeichen dafür, dass wir unseren Hund doch nicht wirklich kontrollieren können? Michael Grewe differenziert: "Es kommt auf die Situation und die Häufigkeit an", so der Trainer. "Wenn der Hund ein Mal entwischt und hundert Mal kommt, ist das in Ordnung. Selbst Profis passiert so etwas hin und wieder." Grund zur Selbstprüfung ist der eine Moment der Entgleisung aber schon: "Ich frage mich immer, was ich falsch gemacht habe. Vielleicht habe ich den Hund nicht genug im Blick gehabt, habe ihn zu weit vorlaufen lassen."
Und was ist zu tun, wenn der Hund nicht gehört hat? Auch hier kommt es auf die Situation an. "Wenn er durchs Dickicht jagt, unternehme ich gar nichts", versichert Michael Grewe. "Alles andere wäre kontraproduktiv, weil es die Situation verstärken würde, in der sich der Hund befindet. Wenn wir wild rufen und pfeifen, wird er das nur am Rande wahrnehmen und ignorieren. Oder der Hund fühlt sich durch unser Gebrüll sogar noch angefeuert." Grewe weiß, dass enorme Größe dazugehört, den Zorn hinunterzuschlucken und so zu tun, als hätte man nichts gemerkt. Vorauschauendes Eingreifen ist für ihn der angemessene Weg: "Wenn mein Hund einen Jogger fixiert, würde ich sofort eingreifen und bedrohlich auf den Hund zulaufen, um ihm zu signalisieren: Dieses Verhalten ist unerwünscht!"
Fazit: Entgleitet uns der Hund ab und zu, gehört das zum Leben. Entscheidend ist unsere Reaktion: Ein Jogger darf nicht mit Beute verwechselt, ein Brötchen nicht geklaut und der Grill nicht geplündert werden. "In solchen sozialen Situationen muss sofort und unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass diese Handlungen verboten sind. Dann hat sich das Problem schnell erledigt."
Text: Kate Kitchenham
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