In Deutschland leben 5,5 Millionen Hunde, mehr als drei Viertel davon in Familien mit Kindern. Die Eltern haben also nicht selten die Aufgabe, zur gleichen Zeit zwei verschiedene Wesen zu erziehen, ihre Kinder und ihren Hund. Gibt es Parallelen?
Südlich von München, am Starnberger See, führt ein gleichermaßen streitbarer wie prominenter Hundetrainer eine gut besuchte Hundeschule. Als er eines Tages wieder kopfschüttelnd mit ansehen musste, wie eine Frau sich hilflos von ihrem Labrador an der Nase herumführen ließ, verstieg er sich zu der Frage: "Haben Sie Kinder?" Als die Frau dies bejahte, erkundigte er sich weiter: "Und wo sind die in Therapie?"
Wer sich noch nicht mal beim eigenen Hund durchsetzen kann, wird sich bei seinen Kindern erst recht keinen Respekt verschaffen - beißender Spott oder bittere Wahrheit? Und lässt man die Polemik des Trainers einmal beiseite, merkt man: Hier wird ein Thema berührt, über das es sich lohnt nachzudenken: Gibt es Parallelen in der Erziehung von Hunden und Kindern? Leiden beide, Kinder und Hunde, möglicherweise unter den gleichen Defiziten ihrer Erzieher? Und was machen wir, ihre Erzieher, bei beiden falsch?
Unbestritten ist die immense Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern innerhalb der letzten fünfzehn Jahre. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts (von 2003 bis 2006) zufolge sind knapp 18 Prozent der Jungen und mehr als 11 Prozent der Mädchen bis 17 Jahre verhaltensauffällig oder haben emotionale Probleme. Kinderpsychiater Michael Winterhoff, Autor der Bücher "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und "Tyrannen müssen nicht sein", spricht nach einer Untersuchung in Hamburg gar von 64 Prozent verhaltensauffälliger Grundschüler, da diese sich entwicklungspsychologisch auf dem Stand von unter Dreijährigen befänden.
Hundetrainer bezeichnen sich heute oft als Verhaltenstherapeut, Tierpsychologe oder Kynopädagoge. Für Petra Führmann, Autorin mehrerer Fachbücher zum Thema Hundeerziehung, ist das nur eine logische Schlussfolgerung: "Die Beziehung zwischen Hund und Mensch hat sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert. Hunde sind wichtige Partner geworden, denen viel mehr Anteil am Leben ihrer Menschen gegeben wird als früher. Sie haben weniger Freiräume, unterliegen einer stärkeren Kontrolle und werden mit höheren Ansprüchen konfrontiert. Häufig reagieren Hunde auf diese Lebenssituation mit Überforderung und Stress." Das legt den Schluss nahe, dass die Erziehung von Hunden heutzutage ähnliche Folgen hat wie die von Kindern: den Besuch beim Therapeuten.
Übertrieben? Tatsache ist, dass Erziehungsratgeber heute im Bücherregal fast jeder jungen Familie und fast jedes Hundebesitzers zu finden sind. Laut Bericht des "Spiegel" (Ausgabe 32/2009) hat sich der Markt für Elternratgeber im Jahr 2008 nahezu verdoppelt. Das Bedürfnis, die Probleme durch Selbsttherapie in den Griff zu bekommen, wächst. Eingängige Buchtitel wie "Lob der Disziplin" oder "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" halten sich monatelang auf der Bestsellerliste, und Fernsehsendungen wie die "Super Nanny" erzielen verlässlich hohe Einschaltquoten.
Auch der Markt für Ratgeber in Sachen Hundeerziehung boomt seit Jahren. Ständig kommen neue Titel zu den immer gleichen Themen wie Gehorsamkeitstraining, Leinenführung, Aggressions- und Angstverhalten, Beschäftigungsspiele hinzu. Hundebesitzer sehen sich im Fernsehen an, wie Martin Rütter als "Hundeprofi" neurotische Dalmatiner in ihre Schranken weist, sie lesen abends auf dem Sofa "Du bist der Rudelführer" des amerikanischen Trainers Cesar Millan und "Hunde verstehen mit Jan Nijboer".
Die Ratschläge für Eltern und für Hundebesitzer sind oft dieselben: Konsequenz und klare Regeln, die das Zusammenleben strukturieren, werden beiden gleichermaßen ans Herz gelegt. "Jedes Kind kann Regeln lernen" heißt einer der meistverkauften Erziehungsratgeber für Eltern. Psychologin Annette Kast-Zahn, Deutschlands erfolgreichste Autorin für Elternratgeber, erklärt darin gestressten Müttern und Vätern, wie sie sich ihren Kindern gegenüber wieder durchsetzen können - ohne Gewalt, ohne Geschrei und ohne Machtkämpfe. Da bei Hunden die Aufforderung "Bruno, komm her!" genauso oft ungehört verhallt wie bei vielen Kindern die Bitte "Mach jetzt den Fernseher aus", haben wir als Hundebesitzer offenbar mit denselben Problemen wie viele Eltern zu kämpfen.
Ob es sich darum dreht, dass der Hund am Tisch nicht bettelt, oder darum, dass man ein Ziehen an der Leine nicht gestattet, ohne ein konsequentes Verhalten unsererseits kann weder Kind noch Hund lernen, dass Nein auch wirklich Nein bedeutet. Das Fehlen einer klaren Linie hat noch weitere Nachteile: "Ohne Regeln fehlt dem Hund die Sicherheit im Leben, er steht unter ständigem Stress", sagt der DOGS-Experte und Hundepsychologe Martin Rütter. Wenn sich Regeln ständig ändern - mal gibt es einen Happen vom Tisch, dann wieder nicht -, ist der Hund in ständiger Erwartungshaltung. "Er ist gezwungen, ständig alles in Frage zu stellen, und entwickelt sich zu einem fordernden Hund, denn er hat ja immer wieder einmal Erfolg mit seiner Forderung", meint Rütter. Auch für Thomas Baumann, der seit 25 Jahren beruflich Hunde ausbildet und neben anderen Fachbüchern einen Leitfaden über Hundeerziehung für sieben- bis zwölfjährige Kinder verfasst hat, haben klare Regeln und Konsequenz oberste Priorität. "Ohne die sogenannten Hausstandsregeln wird der Hund schnell halt- und orientierungslos, und ein Problemverhalten ist vorprogrammiert."
Doch das Wissen um die Wichtigkeit von Konsequenz und Regeln ist eine Sache, die Umsetzung meist eine andere. "Erziehung ist aufwändig und erfordert eigene Disziplin", weiß Martin Rütter. "In unserer Gesellschaft, in der für den Hund gerade mal 45 Minuten zwischen Arbeit und Fußballspiel vorgesehen sind, ist für ein solches Training oft einfach keine Zeit mehr." Denn konsequent zu sein heißt auch, das eigene Verhalten zu kontrollieren und eigene Bedürfnisse einmal zurückzustellen - zum Beispiel dasjenige, den Hund jedes Mal zu streicheln, wenn der den Kopf schief legt und uns mit seinen treuen braunen Hundeaugen von unten anschaut.
Trainer Thomas Baumann: "Kompromisse und Nachgiebigkeit sind typische Merkmale in der Mensch-Hund-Beziehung. Sie führen aber zu vielen Missverständnissen. Aufgrund ihrer hohen Intelligenz sind unsere Hunde nämlich in der Lage, strategisch einzigartig Lücken im sozialen System zu entdecken, und sie versuchen, diese dann im eigenen Sinne zu nutzen. Das macht sie nicht schlecht oder böse, sondern vielmehr sympathisch."
Der Hund mit seinem untrüglichen Sinn für souveräne Führung folgt keinem nachgiebigen und führungsschwachen Menschen. Eine Fehlentscheidung verkraftet er, aber ein Sich-in-Frage-stellen legt er als Schwäche aus und übernimmt die Führung lieber selbst. Ähnlich handlungsbereit verhält sich das Kind: "Wenn Eltern nicht recht wissen, was sie wollen und vor entschiedenem Handeln zurückschrecken, haben plötzlich die Kinder das Heft in der Hand", stellt Kast-Zahn fest. "Kinder spüren die Unsicherheit ihrer Eltern. Sie spüren, wie gut es funktionieren kann, nach Belieben den eigenen Willen durchzusetzen."