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Kinder und Hunde - Seite 2

Warum Partnerschaft nicht gelingt
Wir sind unsicher geworden, was die Erziehung unserer Kinder angeht. Und auch in der Hundeerziehung gibt es mittlerweile viele unterschiedliche Auffassungen, die zum Teil heftig debattiert werden. Woher kommen diese Zweifel an uns selbst, dieser Verlust an Intuition, dieses Schielen über den Gartenzaun, wie es die anderen machen? Und welche Folgen hat das für unsere Kinder? Welche für unsere Hunde? Bis vor etwa fünfundzwanzig Jahren hatten die Eltern eine formale Autorität allein aus der Tatsache heraus, Vater und Mutter zu sein. Die Annahme eines natürlich vorhandenen Machtgefälles zwischen Erwachsenen und Kindern war lange Zeit der Normalfall. Sofern die Eltern ihre Macht nicht missbrauchten und ihre Kinder liebevoll erzogen, kam diese Einstellung beiden Seiten zugute: Kinder fühlten sich geborgen und sicher, die Erwachsenen erlebten sich als verlässlich und überlegen. Und die Hierarchie zwischen Mensch und Hund war so selbstverständlich, dass niemand auf die Idee kam, sie überhaupt zu erwähnen.

Heute hingegen erklären wir häufig sowohl die eigenen Kinder als auch die eigenen Hunde zu unseren Partnern. Was wir dabei vergessen: Eine Partnerschaft umfasst gleiches Recht für beide Seiten, zum Beispiel das Recht, Entscheidungen zu diskutieren oder auch abzulehnen. Gefährlich, bedenkt man, dass sowohl kleine Kinder als auch Hunde nicht in der Lage sind, ihre Entscheidungen zu reflektieren. Sie leben rein lustbetont, aus dem Moment heraus. Sie in allen Lebenslagen zu Partnern zu machen bedeutet, ihren impulsiven Drang nach spontaner Lustbefriedigung ernst zu nehmen und ihnen das Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren.

Wenn wir Hundebesitzer unser Tier ungestüm am Badesee spielen und über fremde Handtücher rennen lassen, nehmen wir die Belästigung anderer in Kauf, damit unser Hund seinem Drang nach Bewegung nachgeben kann. Manchem wird gestattet, Gäste ungeniert an allen Körperteilen zu beschnüffeln, weil das angeblich hundgerecht ist, oder sein Bein an fremden Bobbycars und Blumentöpfen zu heben. Wir verwöhnen den Hund und wir grenzen ihn möglichst wenig ein - er soll es ja gut haben bei uns, es soll ihm an nichts fehlen, meint auch Rütter. "Für den Hund bedeutet dieses Paradies aber oft genau das Gegenteil von dem, was der Mensch erreichen will. Der Hund lernt, dass er der Teil in der Beziehung ist, der die Regeln aufstellt. Hunde, die zudem als Partnerersatz dienen, können diese Anforderungen nicht erfüllen", so der bekannte TV-Trainer, "denn damit werden sie in eine Position gebracht, die nicht ihrer Natur entspricht. Dies führt oft dazu, dass der Hund gestresst ist und sich dieser Stress wiederum in unerwünschten Verhaltensweisen zeigt. Das gilt ebenso, wenn der Hund als Kindersatz gehalten wird."

Liebevoll und autoritär begrenzen
"Wichtig ist, dem Hund mit liebevoller Autorität zu begegnen, ähnlich wie einem Kleinkind", meint die Hundetrainerin Petra Führmann. "Ich werde mit einem Kindergartenkind weder über die Notwendigkeit des Anschnallens im Auto diskutieren noch es entscheiden lassen, ob es an der viel befahrenen Straße an der Hand läuft oder nicht. Genauso wenig darf es jemanden treten, kneifen oder anrempeln. Beim Hund gehe ich einfach davon aus, dass er meine Anweisungen befolgt." So viel Klarheit und Entschlossenheit bringen Eltern oft nicht auf. Ferner gelten Kinder, die die Gespräche der Erwachsenen jederzeit unterbrechen und Aufmerksamkeit fordern, heute als wissbegierig und selbstbewusst. Kleinkinder, die in unpassender, weil selbst gewählter Kleidung im Kindergarten erscheinen, sind ebenso normal geworden wie Schulkinder, die die Autorität des Lehrers untergraben, weil dessen Anspruch auf Führung sie zum ersten Mal in ihrem Leben einzugrenzen droht. Bei allem Verständnis für die Flausen von Kindern und Hunden, vieles davon geht uns doch auf die Nerven. Eine Hundemutter würde unerwünschtes Verhalten direkt und sehr deutlich ermahnen. Stellt sich die Frage: Warum fällt es uns so schwer, nein zu sagen?


Die Angst, nicht geliebt zu werden
Ja, wir wollen unseren Kindern zeigen, dass wir sie lieben, wollen ihnen alles geben - und möglichst oft ja sagen. Eher sind wir bereit, unsere eigenen Interessen hintanzustellen, als diesen Verzicht vom Kind zu verlangen. Aber gewähren wir unserem Kind ein "Recht auf Freiheit" oder haben wir es am Ende einfach nur schlecht erzogen? Weder noch, sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Michael Winterhoff. In Wahrheit handele es sich hier um eine Art emotionale Abhängigkeit der Eltern von ihren Kindern. Immer mehr Eltern brauchen das Gefühl, von ihren Kindern geliebt zu werden. Sie haben daher Angst, nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Den Protest ihrer Kinder deuten sie als Liebesentzug, den sie aufgrund ihrer eigenen Bedürftigkeit nicht ertragen. Dadurch kommt es zu einer Machtumkehr zwischen Erwachsenen und Kindern, die sich in Verhaltensauffälligkeiten und mangelnder Frustrationstoleranz der Kinder niederschlägt.

Da der Hund heute kein Nutztier mehr ist, liegt seiner Haltung anscheinend ebenfalls ein emotionales Bedürfnis zugrunde. Anstatt uns zu bewachen oder das Vieh zu hüten, soll er uns lieben und sich von uns lieben lassen, als lebendiges Kuscheltier sozusagen. "Keine Spezies steht dem Menschen in Sachen Gefühlswelt derart nahe wie der Hund", sagt Thomas Baumann. Die meisten Hundebesitzer sehnen sich deshalb nach einer harmonischen sozialen Partnerschaft mit dem Hund. Das Problem: Wer um jeden Preis geliebt werden möchte, dem fällt es sehr schwer, in der Erziehung unabhängige und auch mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen und sie dann auch durchzuziehen. Michael Grewe, Hundetrainer und Mitbegründer von Canis, dem Zentrum für Kynologie, meint dazu: "Wer seinen Hund oder sein Kind erziehen will, um vom Hund beziehungsweise vom Kind nur innig geliebt zu werden, verkennt das Ziel von Erziehung. Das Gegenüber hat dann keine Chance, den Erzieher in Konfliktsituationen ernst zu nehmen."


Die Folgen beim Hund äußern sich in Respektlosigkeit oder Ignoranz gegenüber Menschen und dem vehementen Drängen auf sofortige Triebbefriedigung, zum Beispiel durch Bellen, Fiepen, Winseln oder ständiges Verfolgen. Vielfach zucken die Halter die Achseln, häufig hört man: "Bello hat ein sehr selbstsicheres Wesen", kaum einer registriert den Zusammenhang zwischen dem eigenen Nichthandeln und Bellos Aufmüpfigkeit, sondern betrachtet diese als Zeichen einer dominanten Persönlichkeit und geht Konflikten aus dem Weg. Der momentane Trend bei der Hundeerziehung fördert diese Tendenzen noch. Denn wie man Konflikte mit dem "Partner Hund" austrägt, wird in vielen Hundeschulen kaum gelehrt, weil es unpopulär ist. Viel eher bekommt man gezeigt, wie man den Hund durch positive Verstärkung, mit Lob und häufiger Gabe von Leckerlis um Konflikte herumführt. Ein anschauliches Schul-Beispiel: Kommt der Hund nicht auf Zuruf, obwohl er das Kommando kennt, fordern manche Trainer, den ignoranten Hund besser zu motivieren, sich gewissermaßen als Erzieher ins Zeug zu legen oder wohlschmeckendere Belohnungshappen zu besorgen. Nicht selten kann man auf Trainingsplätzen Hundebesitzer beobachten, die angestrengt versuchen, sich für ihren Hund interessant zu machen, in der Hoffnung, dass dieser ihnen endlich Aufmerksamkeit schenkt.

Persönlichkeit statt Dauerspaß

"Dass gerade dieses Verhalten der Grund für den angeblichen Ungehorsam des Hundes ist, wird nicht erkannt", erklärt DOGS-Experte Michael Grewe. Denn unser Partner mit der kalten Schnauze lässt uns ganz kaltschnäuzig abblitzen, wenn wir um Aufmerksamkeit betteln, statt Führungsqualitäten zu zeigen. Allenfalls wird er kurz herkommen und sich seine "Belohnung" gnädig abholen, um sich dann wieder wichtigeren Dingen als seinem Menschen zuzuwenden. "Wer seine Persönlichkeit als Erzieher an Futter, Bällchen oder eine quietschige Stimmlage koppelt", glaubt Michael Grewe, "geht das Risiko ein, dass er ohne diese Dinge für den Hund nichts mehr bedeutet. Der Hund hat somit keine Chance, seinen Menschen als souverän anzuerkennen und zu akzeptieren."



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