In Deutschland leben 5,5 Millionen Hunde, mehr als drei Viertel davon in Familien mit Kindern. Die Eltern haben also nicht selten die Aufgabe, zur gleichen Zeit zwei verschiedene Wesen zu erziehen, ihre Kinder und ihren Hund. Gibt es Parallelen?

Gibt es Paralellen in der Erziehung von Kindern und Hunden?
Südlich von München, am Starnberger See, führt ein gleichermaßen streitbarer wie prominenter Hundetrainer eine gut besuchte Hundeschule. Als er eines Tages wieder kopfschüttelnd mit ansehen musste, wie eine Frau sich hilflos von ihrem Labrador an der Nase herumführen ließ, verstieg er sich zu der Frage: "Haben Sie Kinder?" Als die Frau dies bejahte, erkundigte er sich weiter: "Und wo sind die in Therapie?"
Wer sich noch nicht mal beim eigenen Hund durchsetzen kann, wird sich bei seinen Kindern erst recht keinen Respekt verschaffen - beißender Spott oder bittere Wahrheit? Und lässt man die Polemik des Trainers einmal beiseite, merkt man: Hier wird ein Thema berührt, über das es sich lohnt nachzudenken: Gibt es Parallelen in der Erziehung von Hunden und Kindern? Leiden beide, Kinder und Hunde, möglicherweise unter den gleichen Defiziten ihrer Erzieher? Und was machen wir, ihre Erzieher, bei beiden falsch?
Unbestritten ist die immense Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern innerhalb der letzten fünfzehn Jahre. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts (von 2003 bis 2006) zufolge sind knapp 18 Prozent der Jungen und mehr als 11 Prozent der Mädchen bis 17 Jahre verhaltensauffällig oder haben emotionale Probleme. Kinderpsychiater Michael Winterhoff, Autor der Bücher "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und "Tyrannen müssen nicht sein", spricht nach einer Untersuchung in Hamburg gar von 64 Prozent verhaltensauffälliger Grundschüler, da diese sich entwicklungspsychologisch auf dem Stand von unter Dreijährigen befänden.
Beziehungswandel zwischen Mensch und Hund
Hundetrainer bezeichnen sich heute oft als Verhaltenstherapeut, Tierpsychologe oder Kynopädagoge. Für Petra Führmann, Autorin mehrerer Fachbücher zum Thema Hundeerziehung, ist das nur eine logische Schlussfolgerung: "Die Beziehung zwischen Hund und Mensch hat sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert. Hunde sind wichtige Partner geworden, denen viel mehr Anteil am Leben ihrer Menschen gegeben wird als früher. Sie haben weniger Freiräume, unterliegen einer stärkeren Kontrolle und werden mit höheren Ansprüchen konfrontiert. Häufig reagieren Hunde auf diese Lebenssituation mit Überforderung und Stress." Das legt den Schluss nahe, dass die Erziehung von Hunden heutzutage ähnliche Folgen hat wie die von Kindern: den Besuch beim Therapeuten.
Übertrieben? Tatsache ist, dass Erziehungsratgeber heute im Bücherregal fast jeder jungen Familie und fast jedes Hundebesitzers zu finden sind. Laut Bericht des "Spiegel" (Ausgabe 32/2009) hat sich der Markt für Elternratgeber im Jahr 2008 nahezu verdoppelt. Das Bedürfnis, die Probleme durch Selbsttherapie in den Griff zu bekommen, wächst. Eingängige Buchtitel wie "Lob der Disziplin" oder "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" halten sich monatelang auf der Bestsellerliste, und Fernsehsendungen wie die "Super Nanny" erzielen verlässlich hohe Einschaltquoten.
Auch der Markt für Ratgeber in Sachen Hundeerziehung boomt seit Jahren. Ständig kommen neue Titel zu den immer gleichen Themen wie Gehorsamkeitstraining, Leinenführung, Aggressions- und Angstverhalten, Beschäftigungsspiele hinzu. Hundebesitzer sehen sich im Fernsehen an, wie Martin Rütter als "Hundeprofi" neurotische Dalmatiner in ihre Schranken weist, sie lesen abends auf dem Sofa "Du bist der Rudelführer" des amerikanischen Trainers Cesar Millan und "Hunde verstehen mit Jan Nijboer".
Gleicher Rat für Eltern und Hundebesitzer
Die Ratschläge für Eltern und für Hundebesitzer sind oft dieselben: Konsequenz und klare Regeln, die das Zusammenleben strukturieren, werden beiden gleichermaßen ans Herz gelegt. "Jedes Kind kann Regeln lernen" heißt einer der meistverkauften Erziehungsratgeber für Eltern. Psychologin Annette Kast-Zahn, Deutschlands erfolgreichste Autorin für Elternratgeber, erklärt darin gestressten Müttern und Vätern, wie sie sich ihren Kindern gegenüber wieder durchsetzen können - ohne Gewalt, ohne Geschrei und ohne Machtkämpfe. Da bei Hunden die Aufforderung "Bruno, komm her!" genauso oft ungehört verhallt wie bei vielen Kindern die Bitte "Mach jetzt den Fernseher aus", haben wir als Hundebesitzer offenbar mit denselben Problemen wie viele Eltern zu kämpfen.
Ob es sich darum dreht, dass der Hund am Tisch nicht bettelt, oder darum, dass man ein Ziehen an der Leine nicht gestattet, ohne ein konsequentes Verhalten unsererseits kann weder Kind noch Hund lernen, dass Nein auch wirklich Nein bedeutet. Das Fehlen einer klaren Linie hat noch weitere Nachteile: "Ohne Regeln fehlt dem Hund die Sicherheit im Leben, er steht unter ständigem Stress", sagt der DOGS-Experte und Hundepsychologe Martin Rütter. Wenn sich Regeln ständig ändern - mal gibt es einen Happen vom Tisch, dann wieder nicht -, ist der Hund in ständiger Erwartungshaltung. "Er ist gezwungen, ständig alles in Frage zu stellen, und entwickelt sich zu einem fordernden Hund, denn er hat ja immer wieder einmal Erfolg mit seiner Forderung", meint Rütter. Auch für Thomas Baumann, der seit 25 Jahren beruflich Hunde ausbildet und neben anderen Fachbüchern einen Leitfaden über Hundeerziehung für sieben- bis zwölfjährige Kinder verfasst hat, haben klare Regeln und Konsequenz oberste Priorität. "Ohne die sogenannten Hausstandsregeln wird der Hund schnell halt- und orientierungslos, und ein Problemverhalten ist vorprogrammiert."
Doch das Wissen um die Wichtigkeit von Konsequenz und Regeln ist eine Sache, die Umsetzung meist eine andere. "Erziehung ist aufwändig und erfordert eigene Disziplin", weiß Martin Rütter. "In unserer Gesellschaft, in der für den Hund gerade mal 45 Minuten zwischen Arbeit und Fußballspiel vorgesehen sind, ist für ein solches Training oft einfach keine Zeit mehr." Denn konsequent zu sein heißt auch, das eigene Verhalten zu kontrollieren und eigene Bedürfnisse einmal zurückzustellen - zum Beispiel dasjenige, den Hund jedes Mal zu streicheln, wenn der den Kopf schief legt und uns mit seinen treuen braunen Hundeaugen von unten anschaut.
Trainer Thomas Baumann: "Kompromisse und Nachgiebigkeit sind typische Merkmale in der Mensch-Hund-Beziehung. Sie führen aber zu vielen Missverständnissen. Aufgrund ihrer hohen Intelligenz sind unsere Hunde nämlich in der Lage, strategisch einzigartig Lücken im sozialen System zu entdecken, und sie versuchen, diese dann im eigenen Sinne zu nutzen. Das macht sie nicht schlecht oder böse, sondern vielmehr sympathisch."
Der Hund mit seinem untrüglichen Sinn für souveräne Führung folgt keinem nachgiebigen und führungsschwachen Menschen. Eine Fehlentscheidung verkraftet er, aber ein Sich-in-Frage-stellen legt er als Schwäche aus und übernimmt die Führung lieber selbst. Ähnlich handlungsbereit verhält sich das Kind: "Wenn Eltern nicht recht wissen, was sie wollen und vor entschiedenem Handeln zurückschrecken, haben plötzlich die Kinder das Heft in der Hand", stellt Kast-Zahn fest. "Kinder spüren die Unsicherheit ihrer Eltern. Sie spüren, wie gut es funktionieren kann, nach Belieben den eigenen Willen durchzusetzen."
Warum Partnerschaft nicht gelingt
Wir sind unsicher geworden, was die Erziehung unserer Kinder angeht. Und auch in der Hundeerziehung gibt es mittlerweile viele unterschiedliche Auffassungen, die zum Teil heftig debattiert werden. Woher kommen diese Zweifel an uns selbst, dieser Verlust an Intuition, dieses Schielen über den Gartenzaun, wie es die anderen machen? Und welche Folgen hat das für unsere Kinder? Welche für unsere Hunde? Bis vor etwa fünfundzwanzig Jahren hatten die Eltern eine formale Autorität allein aus der Tatsache heraus, Vater und Mutter zu sein. Die Annahme eines natürlich vorhandenen Machtgefälles zwischen Erwachsenen und Kindern war lange Zeit der Normalfall. Sofern die Eltern ihre Macht nicht missbrauchten und ihre Kinder liebevoll erzogen, kam diese Einstellung beiden Seiten zugute: Kinder fühlten sich geborgen und sicher, die Erwachsenen erlebten sich als verlässlich und überlegen. Und die Hierarchie zwischen Mensch und Hund war so selbstverständlich, dass niemand auf die Idee kam, sie überhaupt zu erwähnen.
Heute hingegen erklären wir häufig sowohl die eigenen Kinder als auch die eigenen Hunde zu unseren Partnern. Was wir dabei vergessen: Eine Partnerschaft umfasst gleiches Recht für beide Seiten, zum Beispiel das Recht, Entscheidungen zu diskutieren oder auch abzulehnen. Gefährlich, bedenkt man, dass sowohl kleine Kinder als auch Hunde nicht in der Lage sind, ihre Entscheidungen zu reflektieren. Sie leben rein lustbetont, aus dem Moment heraus. Sie in allen Lebenslagen zu Partnern zu machen bedeutet, ihren impulsiven Drang nach spontaner Lustbefriedigung ernst zu nehmen und ihnen das Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren.
Wenn wir Hundebesitzer unser Tier ungestüm am Badesee spielen und über fremde Handtücher rennen lassen, nehmen wir die Belästigung anderer in Kauf, damit unser Hund seinem Drang nach Bewegung nachgeben kann. Manchem wird gestattet, Gäste ungeniert an allen Körperteilen zu beschnüffeln, weil das angeblich hundgerecht ist, oder sein Bein an fremden Bobbycars und Blumentöpfen zu heben. Wir verwöhnen den Hund und wir grenzen ihn möglichst wenig ein - er soll es ja gut haben bei uns, es soll ihm an nichts fehlen, meint auch Rütter. "Für den Hund bedeutet dieses Paradies aber oft genau das Gegenteil von dem, was der Mensch erreichen will. Der Hund lernt, dass er der Teil in der Beziehung ist, der die Regeln aufstellt. Hunde, die zudem als Partnerersatz dienen, können diese Anforderungen nicht erfüllen", so der bekannte TV-Trainer, "denn damit werden sie in eine Position gebracht, die nicht ihrer Natur entspricht. Dies führt oft dazu, dass der Hund gestresst ist und sich dieser Stress wiederum in unerwünschten Verhaltensweisen zeigt. Das gilt ebenso, wenn der Hund als Kindersatz gehalten wird."
Liebevoll und autoritär begrenzen
"Wichtig ist, dem Hund mit liebevoller Autorität zu begegnen, ähnlich wie einem Kleinkind", meint die Hundetrainerin Petra Führmann. "Ich werde mit einem Kindergartenkind weder über die Notwendigkeit des Anschnallens im Auto diskutieren noch es entscheiden lassen, ob es an der viel befahrenen Straße an der Hand läuft oder nicht. Genauso wenig darf es jemanden treten, kneifen oder anrempeln. Beim Hund gehe ich einfach davon aus, dass er meine Anweisungen befolgt." So viel Klarheit und Entschlossenheit bringen Eltern oft nicht auf. Ferner gelten Kinder, die die Gespräche der Erwachsenen jederzeit unterbrechen und Aufmerksamkeit fordern, heute als wissbegierig und selbstbewusst. Kleinkinder, die in unpassender, weil selbst gewählter Kleidung im Kindergarten erscheinen, sind ebenso normal geworden wie Schulkinder, die die Autorität des Lehrers untergraben, weil dessen Anspruch auf Führung sie zum ersten Mal in ihrem Leben einzugrenzen droht. Bei allem Verständnis für die Flausen von Kindern und Hunden, vieles davon geht uns doch auf die Nerven. Eine Hundemutter würde unerwünschtes Verhalten direkt und sehr deutlich ermahnen. Stellt sich die Frage: Warum fällt es uns so schwer, nein zu sagen?
Die Angst, nicht geliebt zu werden
Ja, wir wollen unseren Kindern zeigen, dass wir sie lieben, wollen ihnen alles geben - und möglichst oft ja sagen. Eher sind wir bereit, unsere eigenen Interessen hintanzustellen, als diesen Verzicht vom Kind zu verlangen. Aber gewähren wir unserem Kind ein "Recht auf Freiheit" oder haben wir es am Ende einfach nur schlecht erzogen? Weder noch, sagt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Michael Winterhoff. In Wahrheit handele es sich hier um eine Art emotionale Abhängigkeit der Eltern von ihren Kindern. Immer mehr Eltern brauchen das Gefühl, von ihren Kindern geliebt zu werden. Sie haben daher Angst, nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Den Protest ihrer Kinder deuten sie als Liebesentzug, den sie aufgrund ihrer eigenen Bedürftigkeit nicht ertragen. Dadurch kommt es zu einer Machtumkehr zwischen Erwachsenen und Kindern, die sich in Verhaltensauffälligkeiten und mangelnder Frustrationstoleranz der Kinder niederschlägt.
Da der Hund heute kein Nutztier mehr ist, liegt seiner Haltung anscheinend ebenfalls ein emotionales Bedürfnis zugrunde. Anstatt uns zu bewachen oder das Vieh zu hüten, soll er uns lieben und sich von uns lieben lassen, als lebendiges Kuscheltier sozusagen. "Keine Spezies steht dem Menschen in Sachen Gefühlswelt derart nahe wie der Hund", sagt Thomas Baumann. Die meisten Hundebesitzer sehnen sich deshalb nach einer harmonischen sozialen Partnerschaft mit dem Hund. Das Problem: Wer um jeden Preis geliebt werden möchte, dem fällt es sehr schwer, in der Erziehung unabhängige und auch mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen und sie dann auch durchzuziehen. Michael Grewe, Hundetrainer und Mitbegründer von Canis, dem Zentrum für Kynologie, meint dazu: "Wer seinen Hund oder sein Kind erziehen will, um vom Hund beziehungsweise vom Kind nur innig geliebt zu werden, verkennt das Ziel von Erziehung. Das Gegenüber hat dann keine Chance, den Erzieher in Konfliktsituationen ernst zu nehmen."

"Wer seinen Hund oder sein Kind erziehen will, um vom Hund beziehungsweise vom Kind nur innig geliebt zu werden, verkennt das Ziel von Erziehung", erklärt DOGS-Experte Michael Grewe
Die Folgen beim Hund äußern sich in Respektlosigkeit oder Ignoranz gegenüber Menschen und dem vehementen Drängen auf sofortige Triebbefriedigung, zum Beispiel durch Bellen, Fiepen, Winseln oder ständiges Verfolgen. Vielfach zucken die Halter die Achseln, häufig hört man: "Bello hat ein sehr selbstsicheres Wesen", kaum einer registriert den Zusammenhang zwischen dem eigenen Nichthandeln und Bellos Aufmüpfigkeit, sondern betrachtet diese als Zeichen einer dominanten Persönlichkeit und geht Konflikten aus dem Weg. Der momentane Trend bei der Hundeerziehung fördert diese Tendenzen noch. Denn wie man Konflikte mit dem "Partner Hund" austrägt, wird in vielen Hundeschulen kaum gelehrt, weil es unpopulär ist. Viel eher bekommt man gezeigt, wie man den Hund durch positive Verstärkung, mit Lob und häufiger Gabe von Leckerlis um Konflikte herumführt. Ein anschauliches Schul-Beispiel: Kommt der Hund nicht auf Zuruf, obwohl er das Kommando kennt, fordern manche Trainer, den ignoranten Hund besser zu motivieren, sich gewissermaßen als Erzieher ins Zeug zu legen oder wohlschmeckendere Belohnungshappen zu besorgen. Nicht selten kann man auf Trainingsplätzen Hundebesitzer beobachten, die angestrengt versuchen, sich für ihren Hund interessant zu machen, in der Hoffnung, dass dieser ihnen endlich Aufmerksamkeit schenkt.
Persönlichkeit statt Dauerspaß
"Dass gerade dieses Verhalten der Grund für den angeblichen Ungehorsam des Hundes ist, wird nicht erkannt", erklärt DOGS-Experte Michael Grewe. Denn unser Partner mit der kalten Schnauze lässt uns ganz kaltschnäuzig abblitzen, wenn wir um Aufmerksamkeit betteln, statt Führungsqualitäten zu zeigen. Allenfalls wird er kurz herkommen und sich seine "Belohnung" gnädig abholen, um sich dann wieder wichtigeren Dingen als seinem Menschen zuzuwenden. "Wer seine Persönlichkeit als Erzieher an Futter, Bällchen oder eine quietschige Stimmlage koppelt", glaubt Michael Grewe, "geht das Risiko ein, dass er ohne diese Dinge für den Hund nichts mehr bedeutet. Der Hund hat somit keine Chance, seinen Menschen als souverän anzuerkennen und zu akzeptieren."
Ein Problem kommt hinzu: Ist für meinen Hund die Verlockung von außen, etwa die flüchtende Katze, stärker als die des Würstchens in meiner Hand, entscheidet sich Bello häufig für die Katze und gegen das Würstchen. Folglich habe ich ihn nicht mehr unter Kontrolle. Grewe hält deshalb eine Erziehung, die dauerhaft und ausschließlich auf Futterbelohnung beruht, für falsch: "Das ist eine Form der Manipulation, die weder neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt noch den besseren Menschen beschreibt." Vielmehr zeige sie die Unfähigkeit, sich mit seiner erzieherischen Verantwortung auseinanderzusetzen. Wenn der Hund nicht kommen will, empfiehlt er: "Hingehen und ihm eindeutig erklären, dass der Befehl ernst gemeint war." Weiterhin auf dem Hundeplatz "Komm" zu üben, hätte wenig Sinn. Der Hund weiß ja genau, was von ihm erwartet wird, er hat nur gerade Besseres zu tun, so Grewe.
Fehlverhalten ist "meist kein Versagen von erzieherischen Konzepten, sondern Ausdruck von Beziehungsstörungen", so Kinderpsychiater Winterhoff. Wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind nicht stimmt, weil das Kind Mutter und Vater nicht als Autorität anerkennt, helfen auch keine Regeln. Man kann zwar festlegen, dass das Kinderzimmer immer vor dem Abendessen aufgeräumt wird - das Kind wird es aber einfach nicht tun. Hundehalter werden ihren Hund täglich aufs Neue daran erinnern müssen, dass eigentlich sie als Erste durch die Haustür marschieren, aber für ihn ist klar, dass der Chef - also er - Vortritt hat. Zuerst muss also die Beziehung stimmen, dann erst macht es Sinn, Regeln aufzustellen.
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Wie verschaffe ich mir Autorität?
"Es ist wichtig zu verstehen, dass ich nicht durch Konsequenzen und klare Regeln Chef werde", sagt auch Michael Grewe. "Sondern umgekehrt: Weil ich Chef bin, kann ich Dinge konsequent und klar regeln. Wer die Begriffe Konsequenz und klare Regeln einzig als plakative Worthülsen mit rein mechanischen Aktionen füllt, erreicht häufig genau das Gegenteil von dem, was er erreichen sollte. Der Hund kann mich nicht akzeptieren und nutzt meine konsequenten Ansätze sowie mein Regelwerk, um sich durch Verstöße dagegen regelrecht zu profilieren."
Kinderpsychiater Winterhoff plädiert für ein "abgegrenztes Verhalten" und meint damit souveräne Erwachsene, die unabhängig von der Reaktion ihres Gegenübers in sich ruhend entscheiden und intuitiv handeln. Ein abgegrenzter Erwachsener spürt, wann und in welchem Maß er eingreifen muss, auf welche Provokationen er eingehen sollte und wann er lediglich zu signalisieren braucht: Ich stehe nicht zur Verfügung. Unterhält er sich beispielsweise gerade mit einem anderen Erwachsenen, so lässt er sich weder von seiner quengelnden Tochter unterbrechen noch von seinem schnüffelnden Hund Richtung Laternenpfahl ziehen.
Wer innerlich abgegrenzt ist und natürliche Autorität verkörpert, sucht auch nicht ständig den Blickkontakt seines Hundes oder geht auf dessen Aufforderungen zum Streicheln oder Spielen ein - es sei denn, er hat gerade Lust dazu. "Uns Menschen ist meist gar nicht bewusst, wie oft und wie intensiv wir auf die Aktivitäten unseres Hundes reagieren und den passiven Part übernehmen", erklärt DOGS-Experte Martin Rütter. Er fordert deshalb seine Kunden mitunter dazu auf, eine Art Selbsterfahrung zu machen und ihren Hund im Haus zwei Tage lang zu ignorieren - kein Streicheln, kein Ansprechen, kein Blickkontakt. "Für nahezu alle Hundemenschen sind diese 48 Stunden die Hölle", kommentiert Rütter aufgrund der Erfahrung in seiner Hundeschule - kaum einem gelingt es.
Auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul geht in seinen Büchern auf das Thema Abgrenzung ein. "Je mehr Regeln eine Familie braucht", stellt Juul fest, "desto schlechter ist es um die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander bestellt." Wichtig sei vielmehr, dass Eltern als Personen respektiert werden. Dies gelingt nicht, wenn sie nach Theorien und Idealen handeln, sondern wenn sie das, was sie sagen, wirklich meinen. Die wichtigste Frage, die Eltern sich selbst daher stellen sollen, lautet: Welche Grenzen muss ich um mich selbst errichten, was will ich zulassen und was nicht, um mich mit mir und meinen Kindern wohlfühlen zu können?
Genau diese Fragen müssen sich Hundehalter stellen: Darf mein Hund beim Spaziergang mit anderen Hunden spielen? Jogger verfolgen? Und danach aufs Sofa? Michael Grewe rät jedem Hundebesitzer, die Dinge erst einmal für sich selbst zu beantworten und dann entsprechend zu handeln: "Was ich nicht haben will, sollte ich korrigieren oder unter gewisse Konsequenzen stellen." Grewe hält es für notwendig, dass wir Konflikte mit dem Hund annehmen, durchstehen und für uns entscheiden. "Nur dann kann der Hund mich als souverän und verlässlich ansehen, und ich ernte Liebe und Vertrauen." Stimmen unser Fühlen, Denken und Handeln überein, wirken wir dem Hund gegenüber glaubwürdig und er stellt uns nicht infrage. Im Idealfall werden Strafen so gut wie überflüssig, und die größte Belohnung sind die Nähe und die Gemeinsamkeit mit uns Menschen, das gemeinsame Tun.
Gute Führung macht alle glücklich
Kinder und Hunde gleichzusetzen ist aber Unsinn. Die Kindererziehung ist ungleich komplexer und vielfach auf ganz andere Ziele ausgerichtet. Kinder sollen zu verantwortungsvollen und selbstbestimmten Erwachsenen heranreifen. Ein Hund bleibt sein Leben lang abhängig von der Obhut des Menschen und dessen Verantwortung für ihn. Daher lässt sich die Erziehung von beiden nur bedingt vergleichen.
Parallelen gibt es in Bezug auf Führungsqualität, die Kinder wie auch Hunde von ihren Erziehern einfordern. Beide brauchen ein liebendes und leitendes Gegenüber, um sich gesund zu entwickeln. Zu viel Nachgiebigkeit führt nicht nur dazu, dass wir oft genervt sind, weil man uns auf der Nase herumtanzt, sie macht langfristig auch niemanden glücklich. Der Hund ist ein hierarchisch organisiertes Rudeltier. Das notwendige Maß an Einordnung und Disziplin, das wir vom Menschen bei aller Freiheit und Individualität fordern, kann für den Hund nicht das Verkehrteste sein.
Text: Astrid Nestler & Constanze Eder