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Erziehung Parallelen in der Erziehung von Kind und Hund

Astrid Nestler, Constanze Eder 12.05.2016

In Deutschland leben 5,5 Millionen Hunde, mehr als drei Viertel davon in Familien mit Kindern. Die Eltern haben also nicht selten die Aufgabe, zur gleichen Zeit zwei verschiedene Wesen zu erziehen, ihre Kinder und ihren Hund. Gibt es Parallelen?

Südlich von München, am Starnberger See, führt ein gleichermaßen streitbarer wie prominenter Hundetrainer eine gut besuchte Hundeschule. Als er eines Tages wieder kopfschüttelnd mit ansehen musste, wie eine Frau sich hilflos von ihrem Labrador an der Nase herumführen ließ, verstieg er sich zu der Frage: „Haben Sie Kinder?“ Als die Frau dies bejahte, erkundigte er sich weiter: „Und wo sind die in Therapie?“ Wer sich noch nicht mal beim eigenen Hund durchsetzen kann, wird sich bei seinen Kindern erst recht keinen Respekt verschaffen – beißender Spott oder bittere Wahrheit?

Parallelen in der Erziehung von Kind und Hund
Wie erzieht man Kind und Hund richtig? © Guille Faingold/Stocksy

Lässt man die Polemik des Trainers einmal beiseite, merkt man: Hier wird ein Thema berührt, über das es sich lohnt nachzudenken: Gibt es Parallelen in der Erziehung von Hunden und Kindern? Leiden beide, Kinder und Hunde, möglicherweise unter den gleichen Defiziten ihrer Erzieher? Und was machen wir, ihre Erzieher, bei beiden falsch?

Unbestritten ist die immense Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern innerhalb der letzten fünfzehn Jahre. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts (von 2003 bis 2006) zufolge sind knapp 18 Prozent der Jungen und mehr als 11 Prozent der Mädchen bis 17 Jahre verhaltensauffällig oder haben emotionale Probleme. Kinderpsychiater Michael Winterhoff, Autor der Bücher „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ und „Tyrannen müssen nicht sein“, spricht nach einer Untersuchung in Hamburg gar von 64 Prozent verhaltensauffälliger Grundschüler, da diese sich entwicklungspsychologisch auf dem Stand von unter Dreijährigen befänden.

Beziehungswandel zwischen Mensch und Hund

Hundetrainer bezeichnen sich heute oft als Verhaltenstherapeut, Tierpsychologe oder Kynopädagoge. Für Petra Führmann, Autorin mehrerer Fachbücher zum Thema Hundeerziehung, ist das nur eine logische Schlussfolgerung: „Die Beziehung zwischen Hund und Mensch hat sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert. Hunde sind wichtige Partner geworden, denen viel mehr Anteil am Leben ihrer Menschen gegeben wird als früher. Sie haben weniger Freiräume, unterliegen einer stärkeren Kontrolle und werden mit höheren Ansprüchen konfrontiert. Häufig reagieren Hunde auf diese Lebenssituation mit Überforderung und Stress.“ Das legt den Schluss nahe, dass die Erziehung von Hunden heutzutage ähnliche Folgen hat wie die von Kindern: den Besuch beim Therapeuten.

Übertrieben? Tatsache ist, dass Erziehungsratgeber heute im Bücherregal fast jeder jungen Familie und fast jedes Hundebesitzers zu finden sind. Das Bedürfnis, die Probleme durch Selbsttherapie in den Griff zu bekommen, wächst. Eingängige Buchtitel wie „Lob der Disziplin“ oder „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ halten sich monatelang auf der Bestsellerliste.

Auch der Markt für Ratgeber in Sachen Hundeerziehung boomt seit Jahren. Ständig kommen neue Titel zu den immer gleichen Themen wie Gehorsamkeitstraining, Leinenführung, Aggressions- und Angstverhalten, Beschäftigungsspiele hinzu. Hundebesitzer sehen sich im Fernsehen an, wie Martin Rütter als „Hundeprofi“ neurotische Dalmatiner in ihre Schranken weist, sie lesen abends auf dem Sofa „Du bist der Rudelführer“ des amerikanischen Trainers Cesar Millan und „Hunde verstehen mit Jan Nijboer“.

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