
Aus heiterem Himmel erreicht Tanja Sdrenka in den Märzferien 2007 der Anruf aus dem Studio Hamburg: Berner gesucht, dringend. Beim Casting nähert sich Produzent Markus Trebitsch Karlson vorsichtig. Der streckt ihm die Pfote entgegen - Hi, Kamerad. Die Rolle ist seine. Einen Nachmittag probt Tanja Sdrenka mit ihm BH-Apportieren, zwei Tage auf Befehl bellen, nach rechts gucken, nach links schauen, auf einer Markierung im Filmset "Sitz" machen, dann hat er seinen Part gelernt. "Der ist echt schlau." Folgt: die große Langeweile. Vier Tage à 200 Euro im Studio, stures Warten, penetrantes Wiederholen von Szenen. Aber Karlson erträgt es mit Eselsgeduld. Ein guter Berner lässt sich nicht verdrießen.
"Berner sind keine Stubentiger"
Der zweijährige Rüde Karlson, die fünfjährige Hündin Emma und Betty-Bee, das acht Monate alte Nesthäkchen, leben in einer 1969 gebauten Villa, die Tanja und Matthias Sdrenka für ihre Zwecke modernisiert haben. Die Villa liegt in Blankenese-Nienstedten, einem der eleganten Hamburger Elbvororte. Hier sind die Häuser geräumig, die Gärten groß, von mächtigen Rhododendren und alten Bäumen bewachsen: viel Platz für Hunde. Drei Rassen dominieren: rotfellige Labradore, Jack-Russell-Terrier und anstelle der noch vor kurzem populären Rhodesian Ridgebacks viele ungarische Vizslas. Die eher bäuerlichen, handfesten Berner Sennenhunde sind hier selten. Seit 1911 auch in Deutschland gezüchtet, gehören sie nicht zu den Modehunden. Pro Jahr werden circa 1200 Welpen geboren. In Hundestatistiken ist das ein eher durchschnittlicher Wert.
Tanja und Matthias Sdrenka haben im Erdgeschoss ihres Hauses Wände weggenommen, Räume zusammengeschlossen oder mit offenen Durchgängen versehen, Fußböden mit breitem Eichenparkett belegt und die Einrichtung auf Wesentliches beschränkt: Tisch, Stühle, Anrichte, Sofa, kein Firlefanz - dafür viel Platz für die drei Berner. Die Terrasse ist mit Bangkirai, einem Tropenholz, belegt, direkt davor wurde ein Schwimmteich, 1,80 Meter tief, für Karlson, Emma und Betty-Bee ausgehoben: Tanja und Matthias Sdrenka haben ihr Leben mit den Vierbeinern bis ins Detail durchdacht und organisiert.
"Wir wollten immer mit Hunden leben, haben aber lange gewartet", erzählt die 42-jährige Tanja Sdrenka. "Erst sollten die Kinder aus dem Gröbsten raus sein und die ersten Schuljahre problemlos bestehen." In der Wartezeit sind die Sdrenkas auf Hundeausstellungen unterwegs. Es soll ein größerer Hund sein und kein "trockener", wie Tanja Sdrenka sagt, der nur aus Muskeln und Haut besteht, sondern ein sogenannter "schwammiger Hund", ein Hovawart, Briard oder sogar Landseer - "aber das wäre bei einer Schulterhöhe bis 80 Zentimeter eine Nummer mehr gewesen. Mit einem Berner kann man immer noch essen gehen", sagt Matthias Sdrenka. Die Gesellschaftstauglichkeit, die Ruhe in den Wettkampfringen und die Gelassenheit, die diese Hunde ausstrahlen, sind ausschlaggebend für die Wahl des Ehepaars. "Jeder Berner hat sich uns sofort auf den Fuß gesetzt und angelehnt. Sie wollen einfach nur gefallen. So sind sie alle. Nett."
Trotzdem darf man sich nicht zurücklehnen. "Berner sind keine Stubentiger, die wollen mit einem arbeiten." Als 2003 Emma, Tanja Sdrenkas erster Berner, mit neun Wochen zu ihr kommt, geht sie sofort mit ihr in die Welpenschule. "Wir sind da immer sehr ehrgeizig." Acht Wochen lang, jeweils 90 Minuten Theorie und 90 Minuten Praxis. Sie kann es in den Bescheinigungen über die Welpenspieltage nachlesen, "bei uns wird alles katalogisiert und abgelegt".
Nach der Welpenschule kommt die Jugendausbildung. Sie macht mit Emma, später genauso mit Karlson, ein "Dummy-Training" mit. Dabei apportieren die Hunde einen Futtersack mit Reißverschluss, ähnlich einem Federmäppchen, und lernen sich unterzuordnen. Auch auf fünftägige Fährtentrainings-Seminare des Schweizer Sennenhund-Vereins fährt sie, drei Mal bereits, nach Sören in Schleswig-Holstein, Dörscheid am Rhein, ins Auetal bei Hannover. "Das ist immer nett, lauter Berner-Leute, ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl." Die Fährten tritt man selbst, legt je nach Ausbildungsstand des Hundes alle drei oder alle dreißig Stapfen Leckerlis in die Fußstapfen, mal links, mal rechts. Sogar bei dem Schweizer Hundetrainer Hans Schlegel war sie mit Emma und Karlson auf einem Zwei-Tage-Kurs zum Thema Körpersprache und Kommunikation.
Hans Schlegel ist berühmt in der Szene, er bildet K9-Rettungs- und Minensuchhunde aus und hat für die Entwicklung seiner speziellen Trainingsmethode 18 Monate mit Wölfen im kanadischen Wolfsrevier Preelake gelebt. Ergebnis der intensiven Beschäftigung: "Wenn ich dabei bin, würde Karlson nicht einmal für eine läufige Hündin die Nase heben." Die Hierarchie im Menschen-Hunde-Rudel ist deutlich abgesteckt.