
Beagle sind Ausdauerläufer. Die weiße Rute tragen sie oben.
Aufgeweckter Jäger
Wenn Vollmond naht, nimmt Christian Camacho Schween seine Steyr Mannlicher aus dem Schrank, ruft Beagle Barney, startet seinen Ford Explorer und bricht von Hamburg zur Jagd Richtung Plauen auf. Bei Vollmond ist der Wald hell. Dann sieht der Jäger, wie die Wildschweine aus ihren Einständen kommen und durch den Wald ziehen, sieht Füchse und Hasen, Dam- und Rotwild. Von der Dämmerung bis in die frühen Morgenstunden verharrt er auf dem Hochsitz, warm im Ansitzsack, zu seinen Füßen Barney. Oder er pirscht an den Waldkanten entlang, Barney an der Seite. In zwölf Kilometer Entfernung, oder nur zwei, lauscht ebenso wie er ein Jagdfreund in den Forst - einer ist es immer. "Super ausgeglichen" sei ihr Mann nach einer solchen Nacht, sagt Birgit Camacho Schween, und ihr Beagle Barney "nur noch müde".
Der längst wieder Ausgeruhte rückt dem Gast auf die Pelle, Vorderläufe auf den Schoß, tiefer Blick in die Augen. "Schleimer" nennt die Züchterin ihren Vorzeige-Rüden zärtlich. "Aber so sind sie: freundlich durch und durch." Das hat die Hunde zu Familienfavoriten gemacht. Der Beagle als Kinderstreicheltier: Der beißt nicht, der knurrt nicht, ist gewitzt und bunt wie eine Kuh. Sie und ihr Mann haben nicht anders angefangen. Der Sohn wünschte einen Hund. Die Familie wollte kindgerecht sein. Man schaute sich um, interessierte sich vorübergehend für Labradore, doch eigentlich waren die zu groß.
Was Birgit Camacho Schween nicht ahnte: Ehemann Christian verfolgte längst eigene Pläne. Sein bis dahin unerfüllter Traum war Jagen und den Jagdschein machen. Der Hund sollte sein Mitstreiter werden. Und weil das Ehepaar ein festes Bild davon hatte, wie ein richtiger Hund aussieht, "kurzhaarig, mit Schlappohren und langer Schnauze", wurde es ein Jagdhund mit Familiensinn, ein Beagle.
Als Snoopy, die Figur aus der Comicserie die "Peanuts", kennt ihn fast jeder. Nicht jeder weiß, dass Snoopys Vorbild ein hoch-spezialisierter Meutehund für die Hetzjagd ist. Die ist in Deutschland längst verboten, der Beagle wird heute als kleiner, vielseitiger Jagdgebrauchshund eingesetzt. Seine Spezialitäten: Stöbern und Schweißarbeit. Arbeitswillig und gelehrig sei er, so Birgit Camacho Schween, "in der Hundeschule immer vorn dabei".
Ab und zu zeige er seinen Dickkopf. Gut für sie, die als frühere Katzenliebhaberin gewisse Selbstständigkeit schätzt und weiß, wie man Hunde erzieht. Schlecht für Menschen, die sich vom Tier buchstäblich die Wurst vom Teller ziehen lassen. Bei ihnen wird der Beagle zum Problemhund. Der ist verfressen wie nix, klaut, was er kann, randaliert und haut bei jeder Gelegenheit ab. Eine Art Assi unter Hunden, so der Vorwurf. Dabei folgt der Beagle nur seinen natürlichen Anlagen.
Jahrhundertelang wurden unter den bunten Kerlen die herausgesucht und vermehrt, die am besten der Fährte folgten, sobald sie in der Luft hing. Das treibt ihnen kein Üben mit Leckerchen auf dem Hundeplatz aus. Sobald ihnen der Duft eines Hasen in die Nase zieht und keine Leine sie zurückhält, sind sie weg. Und weil der Beagle auf Ausdauer gezüchtet ist, muss er rennen, damit er nicht fett wird. "Stressfreies Spazierengehen gibt es mit dem Beagle nicht", ernüchtert Hundetrainer und DOGS-Experte Gerd Leder, Spezialist für vierbeinige Klienten mit Verhaltensstörungen aus dem baden-württembergischen Laupheim. Auch im klassischen Sinn verspielt sei der Jagdhund nicht. Beagle-Vergnügen sehen für den renommierten Trainer eher so aus: Ein Fischkopf wochenlang in einem Wasserkanister ziehen lassen und dann aus dem Sud eine Tröpfchenspur legen. Oder ein Stück Fleisch oder Pansen an einer Schnur auf dem Fahrrad hinter sich herziehen, große Bahnen auf einer Wiese fahren, dann den Beagle der Fährte bis ans Ziel folgen lassen, wo er sich an einem Futterberg sattfressen kann. Das sind richtige Beagle-Spiele.
Fazit: Mantrailing, Sucharbeiten, Fahrradfahren - "kriegt er das, ist er ein toller Familienhund". Bleibt die legendäre Verfressenheit. Auch sie ist ein Erbteil. Beagle haben mit ihrer Meute aus einem Trog gefressen. Wer am schnellsten war, blieb am fittesten. "An einem Jagdtag verliert der Hund irre viel an Körpergewicht. Das muss er sich schnell wiederholen, um am nächsten Tag mithalten zu können", erklärt Gerd Leder. Bei so einer Meutejagd war nicht der Hasenbraten das Ziel der Jagdgesellschaft. Die Sensation war das Bellen. Beagle, heißt es, "läuten". Und wenn weit weg im Wald zu hören war, was in Wirklichkeit eher wie ein Quieken oder Schreien klang, kriegten die Meutejäger eine Gänsehaut, spottet der Trainer.